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Willkommen im 21. Jahrhundert

Willkommen im 21. Jahrhundert

– oder: Wie man eine Online-Community kaputt macht –

Regional unterschiedliche Moralvorstellungen sind in der vernetzten Welt ein heikles Thema. Dass dem so ist, das mussten deutsche User der Online-Fotografie-Plattform flickr im Juli 2007 feststellen, als plötzlich ein Großteil der flickr-Inhalte nicht mehr für sie zugreifbar waren. Deutschland wurde dabei mit Ländern wie Singapur, Hong Kong und Südkorea in einen Topf geschmissen – Länder, in denen die Zuschaustellung von Nacktheit per Gesetz verboten ist.

Obwohl dies in Deutschland (bisher noch) mitnichten der Fall ist, sorgte vermutlich das schwammig formulierte Telemediengesetz für diesen drastischen Schritt der flickr-Administration, für den eine glaubwürdige Erklärung bis zum heutigen Tage aussteht. Zwar hatte das im prüden Amerika beheimatete flickr schon in der Vergangenheit Benutzer gegängelt, die es wagten, so viel wie eine nackte Brust zu veröffentlichen und die Sichtbarkeits-Einstellungen auf “öffentlich” zu lassen (während Hochglanzbildchen vom US-Soldaten mit MP im Anschlag natürlich weiterhin kein Problem waren), doch ganze Nationen einfach auszusperren, das war auf einmal eine ganz andere Liga der Bervormundung.

Es folgte ein Sturm der Entrüstung und Solidarität. Nicht etwa nur in Deutschland sondern weltweit gab es aufsehenerregende Protestaktionen, und ebenso weltweit kündigten Zehntausende von Benutzern ihren flickr-Account. Es war ein PR-GAU, wie ihn die Internet-Community bis dahin noch selten erlebt hatte, und selbst als flickr hastig zurückruderte und deutschen Usern zumindest den Zugriff auf als “moderat” gekennzeichnete Bilder wieder erlaubte, war der Schaden schon längst nicht mehr gut zu machen: Flickr war längst als “censr” verschrien, und die mündigen Netzbürger suchten nach Alternativen.

Einer der größten Nutznieser der flickr-Blamage war eine kleine französische Community namens ipernity, die auf flickr potentielle Überläufer aktiv umwarb. Versprochen wurde eine weltoffene, zensurfreie Plattform, auf der flickr-Flüchtlinge ein neues Zuhause finden konnten. Ja, selbst eine automatische Übernahme-Funktion des photostreams aus flickr wurde schnell aus dem Hut gezaubert. Und für eine Weile sah es tatsächlich so aus, als hätten flickr-Flüchtlinge eine neue, weltoffene und tolerante Heimat gefunden, in der sie neue interessante Fotografen kennenlernen und sich austauschen konnten.

Drei Jahre später werden auf ipernity Bilder wie das obige als Grund genommen, ganze Accounts ohne Vorankündigung zu sperren. Ob und wann dies geschieht, das hängt ganz von der Laune des jeweiligen Moderators ab, es hängt davon ab ob in der Protestgruppe gerade viel oder wenig los ist… und natürlich davon, ob ein Schwanz auf dem Bild zu sehen ist oder nicht. Denn während eine nackte Frau ab und zu (und wenn die Admins gerade gnädig drauf sind) durchaus sein darf, gehen Männerakte überhaupt nicht.

Dabei ist insbesondere letzter Umstand offensichtlich einer kleinen Gruppe von homophoben Ipernity-Usern zu verdanken, die sich, wann immer ein nackter Mann zu sehen ist, auf den sogenannten Blockwart-Button (“I consider this document offensive”) stürzen wie Fliegen auf den Kuhfladen.

Seit acht Monaten tobt auf ipernity eine aufgebrachte Diskussion darüber, ob das denn wirklich wahr sein darf. Dabei glänzt das ipernity-Team größtenteils durch Nicht-Kommunikation, und ab und zu durch das Posten von cut-and-paste-Textbausteinen, die da besagen: “Wir tun das wegen den Kindern, und wir arbeiten an einem Filtersystem, das ganz sicher demnächst eingerichtet ist”. Keine Entschuldigung, nichts was die aufgebrachten Künstler beruhigen würde, und keine Einsicht.

Und das ist das eigentlich Schockierende: Den Betreibern ist überhaupt nicht klar, was für einen gewaltigen Schaden sie da anrichten. Und während die mittelalterliche Zensur von Nacktheit bei ipernity immer abstrusere Blüten treibt, ist es auf der anderen Seite überhaupt kein Problem, Bilder wie dieses hier drinzulassen und damit allen Kindern dieser Welt per Mausklick erreichbar zu machen.

Ich habe heute mein ipernity-Konto deaktiviert.

Endlich.

Zum Schluss fiel die Entscheidung ganz leicht.

Ich hatte Freunde auf ipernity eingeladen, darunter Fotografen die ich sehr bewundere und deren Kunst ich hoch schätze… nur um dann zusehen zu müssen, wie sie gesperrt, zensiert, ignoriert, bevormundet und übergangen wurden. An keiner “realen” Veranstaltung dieser Welt, auf der meine Freunde so behandelt werden, würde ich jemals wieder teilnehmen. Warum sollte ich es also im virtuellen Raum tun?

In der Zwischenzeit verkommt ipernity zur heile-Welt-Fotocommunity, auf deren Startseite sich die typischen, schon millionenfach gesehenen Blümchenmakros, Eisvögel, gephotoshoppte Nebellandschaften, süße kleine Kinder, HDRs und Eichhörnchenportraits die Hand geben.

Es bleibt mir nur die Hoffnung, dass aus diesem Ärger irgendwann tatsächlich mal eine tolerante Fotografie-Plattform entstehen wird. Denn es soll ja durchaus schon mal vorgekommen sein, dass eine Online-Plattform die eigenen User mit den Füßen getreten hat, und daraus neue Alternativen entstanden sind…

Bis dahin werde ich meine Freunde bei ipernity vermissen und ihnen wünschen, dass obige Hoffnung sich bald bewahrheitet.

(Update 2013: Inzwischen ist nicht mehr viel von der Diskussion auf ipernity übrig, und die Betroffenen haben sich entweder abgemeldet oder es resigniert hingenommen. Dafür gibt es momentan wieder eine Fluchtwelle von flickr zu ipernity, weil flickr das Layout geändert hat und auf die zahlreichen Beschwerden nicht reagiert. Ausgerechnet zu ipernity. Hach ja, das Internet und sein Gedächtnis…)