Fotografien von Stephan Kleinert

Désenchantée

Es gibt Wahrheiten in unserem Leben, die lassen das Kind in uns verstummen, und machen uns erwachsen. Unangenehme Wahrheiten,  die man eigentlich nicht wahr haben möchte, die es so überhaupt nicht geben dürfte… die uns aber immer wieder einholen, und noch ein Stück erwachsener machen.

Eine von diesen Wahrheiten zum Beispiel ist diese:

Mit Ehrlichkeit, Besonnen- und Bescheidenheit kommt man im Leben nicht weiter. 

Ja, ich weiß, das klingt schrecklich verallgemeinernd-misanthropisch, aber machen wir uns nichts vor und seien wir ganz einfach mal offen: Es ist so, im Großen wie im Kleinen.

Im Großen reicht es, die Nachrichten der letzten paar Monate Revue passieren zu lassen und sich anzuschauen, welche Figuren der Weltbühne gerade die Zügel in der Hand halten.

Und auch im Kleinen: Wer hat es noch nicht selbst erlebt? Nicht der Kollege, der zuverlässig und still seine Arbeit macht, kommt voran. Sondern derjenige, der die ganze Zeit trommelt und brüllt und schreit, sich auf die Brust klopft und sich mangels eigener Fähigkeiten mit fremden Federn schmückt (hey, einer meiner Ex-Arbeitgeber hat es mit dieser Methode sogar bis zum B-Promi geschafft).

Wie man damit umgeht, ist natürlich jedem selbst überlassen. Man kann 1) daran verzweifeln, 2) dagegen ankämpfen und 3) selbst mitmachen. 

Bis jetzt zählte ich mich selbst je nach Situation zu einer der ersten beiden Gruppen. Nicht so wahnsinnig gut für die Karriere, aber man kann sich wenigstens einreden es wäre gut fürs Karma. Aber kürzlich, im reifen Alter von 46 Jahren, war ich endlich so weit, dass ich mir fest vornahm, bei nächster Gelegenheit zu Gruppe 3 hinzuzustoßen.

Frau K. und ich, wir sind wirklich vollkommen unerfahren darin, eine neue Bleibe zu finden. Wir haben vorher noch nie aktiv nach Häusern gesucht, und unsere Entdeckung der K-Burg war ein eher zufälliges Unterfangen.

Wären wir nicht so unerfahren, dann hätten wir vor drei Wochen vielleicht auch einen uns bis dahin unbekannten, eisernen Grundsatz bei der Häusersuche beachtet und wären jetzt schon dabei, unsere sieben Sachen zu packen und in unser neues Zuhause mit Blick auf den Hochthürmer zu verfrachten.

Und dieser eiserne Grundsatz lautet: 

Mit Ehrlichkeit, Besonnen- und Bescheidenheit kommt man im Leben nicht weiter. 

Denn diese Wahrheit zieht sich natürlich durch alle Bereiche des Lebens. 

Unsere Häusersuche hatte uns schließlich zu einem ganz besonderen Kleinod geführt… einem ehemaligen Hof mit 4000 Quadratmeter Wiese, Stallungen, Bäume und Büschen, mit genug Platz für Hunde, Landschildkröten, Studio, Atelier, Büro und Gästezimmer. Einigermaßen weit draußen, so dass sich niemand belästigt fühlen würde, sollte ich doch mal wieder ein musikalisches Projekt auf die Beine stellen.

Auch der Preis war durchaus im Rahmen des für uns Bezahlbaren. Ein bißchen auf der teuren Seite, weil Makler hierzulande beinahe 5% für ihre Dienste verlangen dürfen… aber nichts, was man nicht hingekriegt hätte.

Leider waren wir neu in dem ganzen Geschäft, und deshalb begingen wir den ersten Fehler gleich damit, nicht sofort alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen. Wir streckten unsere Fühler mal vorsichtig in Richtung Finanzierung aus und ließen einen befreundeten Architekten auf das Haus schauen.

Der schaute sich das an und hatte im Großen und Ganzen eine sehr positive Meinung darüber. Gut, eine der Stallungen war am Zusammenfallen und überdies auch nie genehmigt, aber das hätte man auch hingekriegt. Er gab uns den Tip, zur Sicherheit noch beim Bauamt die Bauakte einzusehen.

Also beantragten wir bei der Eigentümerin eine Vollmacht, dass wir in die Akte schauen durften. Wir erfuhren darin nichts, was wir nicht schon wussten. Alles sah in Ordnung aus.

Wir fingen an, zu träumen.

Uns zu überlegen, wie wir den Garten gestalten. Wo die Schildkröten hinkommen. Was wir mit den Ställen machen.

Spielten mit dem Gedanken, vielleicht irgendwann später mal zwei Gnadenpferde bei uns aufzunehmen. Oder Schafe und Ziegen.

Am gleichen Tag noch rief mich der Makler an, wie es denn jetzt aussähe. Es gäbe noch einen Mitbewerber, der hätte Betrag X angesagt. Ob ich Betrag X + 5000 ansagen würde.

Ich sagte, ja, klar. Ich würde sogar Betrag X + 8000 ansagen, wenn der nicht genehmigte Stall noch wegkommen würde. Aber X + 5000 wäre ich auf jeden Fall dabei.

Ob das eine verbindliche Zusage sei, wollte der Makler wissen. Und ich so: Ja, klar. Machen wir!

Ob die Finanzierung denn stehe, war die nächste Frage.

Und wahrheitsgemäß antwortete ich: Die Finanzierung steht zu 99%. Mir fehlen noch zwei Unterlagen die ich einreichen muss. Aber wir verfügen über mehr als 60% Eigenkapital und ein monatliches Einkommen von XYZ, wir zahlen im Moment mehr Miete als wir jemals für Zins und Tilgung zahlen werden… die Finanzierung wird keinesfalls ein Problem sein.

Prima, meinte der Makler, dann machen wir das so. 

Ich, noch ganz von den Socken, was ich da eben getan hatte, rief Frau K. an und sagte: “Ich habe zugesagt”. Das war ein unglaubliches Gefühl.

Den Rest des Tages verbrachten wir wie auf einer Wolke. Endlich hatte es geklappt…, unsere eigene Burg, unser K-Cottage war in greifbarer Nähe. Und alle Probleme, die sich in Rhöndorf angesammelt haben, würden sich in Luft auflösen… oder zumindest in Rhöndorf weiter ihre Runden ziehen und uns vollkommen egal sein.

Hatten wir vorher ein bisschen geträumt, träumten wir jetzt so richtig. Und zum ersten Mal seit Wochen konnte ich wieder ruhig schlafen, und mit der Aussicht, bald mein eigenes Dach über dem Kopf zu haben. 

Unser Architekten-Freund hatte uns geraten, noch die eine oder andere Information bei der Eigentümerin einzuholen, und so hatte ich  ich dem Makler am Abend noch eben kurz eine E-Mail geschrieben, ob er mir ihre Kontaktdaten geben könne, damit wir noch ein paar Sachen besprechen könnten.

Am nächsten Tag erhielt ich diese Antwort:

Alles vorbei, alles auf Null, alles von vorne.

Alle Träume umsonst geträumt, alle Hoffnung umsonst gemacht.

Ich weiß, das ist im Prinzip Jammern auf hohem Niveau, denn wir haben ein Dach über dem Kopf, ein schönes sogar, und anderen Menschen geht es wesentlich schlechter als uns. Alles gut und richtig.

Trotzdem war ich zwei Wochen lang deprimiert. Und zwar deprimiert wie in: Ich möchte niemanden mehr sehen, ich möchte mit niemandem mehr reden, und ich habe das Gefühl, dass ich nie wieder glücklich werde. Was eben passiert, wenn Herr K. von etwas träumt und ihm dann klar wird, dass er umsonst geträumt hat. Ist nicht das erste Mal in meinem Leben, und es ist extrem gefährlich für meine Gesundheit.

Immerhin konnte ich dem Makler noch entlocken, warum es zu dieser plötzlichen Umentscheidung kam. Der Mittbewerber hatte angegeben, dass die Finanzierung bei ihm zu 100% steht. Und weil die Eigentümerin Angst hatte, dass bei uns noch was dazwischen kommt, gab sie kurzerhand Mr. 100% Man den Zuschlag.

So sah es also mal wieder aus. Ich hätte nur sagen müssen: “Ja, klar, Finanzierung klappt. 100%”, und unsere Hunde würden jetzt über unsere Wiese rennen und ich würde das Schildkröten-Gehege bauen. 

Tja, und so suchen wir jetzt eben wieder. Es fällt mir schwer, mich nochmal über irgendwas davon zu freuen oder mir auszumalen, wie das Leben dort wohl aussehen könnte.

Was die Objektsuche natürlich etwas schwieriger macht. 

Aber im Großen und Ganzen dachte ich, ich sei darüber hinweg. Immerhin kann ich wieder bloggen und mit Leuten reden, das ging ganze zwei Wochen lang nicht.

Heute fuhren wir wieder zu einer Besichtigung… und zufällig brachte uns die Anfahrt dorthin auf 2km Nähe an dem Anwesen vorbei, das wir beinahe hätten haben können. Und da spürte ich es: Ich bin wirklich alles, nur nicht darüber hinweg. Ich bin immer noch stinksauer, enttäuscht und deprimiert. Und wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dann werde ich lügen und prahlen und mich sonstwie verrenken und zum vollkommenen Ekelmenschen machen, nur damit ich durch diesen Scheiß nicht nochmal durch muss.

Nee, werde ich nicht. Ich kenn mich doch.

Aber vielleicht hilft es wenigstens, mal darüber geschrieben zu haben.

p.s.: Alle Bilder in diesem Artikel sind aus der Nachbarschaft, die wir hätten haben können. Es gibt noch vielviel schönere, aber ich habe absichtlich diejenigen gewählt, wo sich das Wetter nicht zwischen gut und böse unterscheiden konnte. Irgendwie passt das.

p.p.s.: Die noch fehlenden Unterlagen trafen zwei Tage später bei mir ein.

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