Solidarität mit Aliaa Magda Elmahdy

 

In Ägypten ist es mal wieder so weit.

Gemeint sind nicht die Demonstrationen und blutigen Krawalle, sondern viel eher das Schicksal einer jungen Frau, die sich mit der allgegenwärtigen “Zensur von Wissen, Ausdruck und Sexualität” nicht länger abfinden möchte und auf ihre Art und Weise ein Zeichen gesetzt hat: Mit Nacktbildern in ihrem Blog.

 

Seitdem ist die Kacke am Dampfen, und die üblichen Verdächtigen kommen unter ihren Steinen hervorgekrochen und fordern die üblichen Dinge: Bestrafen, verhaften, zensieren, auspeitschen, steinigen, verstümmeln, mundtot machen, etc. pp.

Und wir aufgeklärten, freien, westlichen Bürger zeigen mit dem Finger auf Ägypten und rufen vermittels unserer freien Presse laut hinaus: Schaut hin, die blöden Araber mal wieder, die leben ja im tiefsten Mittelalter, etc. pp.

Die große Frage, die sich mir nur nach einigem Nachdenken stellt, ist:

Steht uns das wirklich zu?

Zu den Errungenschaften unserer tollen westlichen Gesellschaft gehört beispielsweise Facebook – das seine Benutzer zensiert, sowie auch nur die Andeutung einer nackten Brust gezeigt wird. Oder unter Umständen auch überhaupt keine Brust. Oder einfach nur zwei Männer, die sich küssen.  Oder die falsche politische Einstellung.
Oder, oder, oder…

Das große Fotoportal Flickr zensiert ganze Fotostreams ohne Vorwarnung, egal ob künstlerischer Akt, verdeckter Akt oder in-your-face-Pornografie. Nacktheit reicht (und natürlich einer, der petzt).

Von ipernity und ihrem alberenen Zensurgehabe, das sie begonnen haben, nachdem zehntausende von Flickr-Flüchtlingen, die sich nicht zensieren lassen wollten, bei ihnen gelandet waren, möchte ich gar nicht erst anfangen. Und alle, die mit ihren (künstlerisch äußerst wertvollen!) Bildern aus ipernity rausgeflogen sind, sind dies deshalb, weil sich jemand über sie beschwert hatte.

Aber es braucht nicht mal Nacktheit. Oder schwule Küsse. Oder die falsche politische Einstellung. Es braucht nur Google+, ein ganz tolles neues soziales Netzwerk, welches mit bahnbrechendem Erfolg den guten alten deutschen Denunziantengeist heraufbeschwört, indem es einer Armee von Möchtegern-Blockwarten ein ganz tolles Geschenk in die Hand gibt: Der “XYZ-ist-nicht-mit-seinem-richtigen-Namen-angemeldet“-Button (nein, ich sauge mir das nicht aus den Fingern –> siehe Link für Näheres).

Und dann wären da noch die ganzen alarmierten Blicke und das schockierte “nein-ich-möchte-nicht-von-Dir-fotografiert-werden-das-ist-ja-alles-viel-zu-krass“, welche ich in letzter Zeit immer häufiger abkriege, wenn irgendwie die Sprache darauf kommt, dass ich mitunter auch nackte Menschen fotografiere.

Also, steht es uns wirklich zu, das finstere Mittelalter in Ägypten zu kritisieren? Oder sollten wir uns nicht vielleicht besser erstmal in unserem eigenen Hinterhof darum kümmern, dass ägyptische Zustände nicht bald auch bei uns herrschen (was eine Situation ist, die ich durchaus in nur wenigen Jahrzehnten kommen sehe, wenn ich die aktuellen Entwicklungen weiter extrapoliere)?

Vermutlich sollten wir beides.

Aliaa Magda Elmahdy, Du bist eine mutige Frau, und Du hast meinen allergrößten Respekt und meine Unterstützung.

Oh, und ein Update, an all die Unmengen von neuen Besuchern, die plötzlich in meinem Fotoblog aufschlagen, weil sie Aliaas Namen gegoogelt haben: Statt einfach kommentarlos wieder zu verschwinden und das nächste Blog zu suchen wo’s vielleicht noch nacktere Bilder gibt… wie wär’s stattdessen damit, ihr auf ihrem Blog ein paar Worte der Unterstützung zukommen zu lassen?

Die kann sie sicher brauchen, denn inzwischen wurde sie von den reizenden Fundamentalisten gleich mehrfach angezeigt, wegen “fremden, inakzeptablen Verhaltensweisen, wie etwa der Forderung nach sexueller Freiheit” und ähnlichem Schwachsinn mehr.

(Oh, und an all die Oberschlaumeier, die jetzt glauben, mir Relativismus vorwerfen zu müssen: Ich habe mit keinem Wort behauptet, dass Aliaas Schicksal nicht schlimm sei, ganz im Gegenteil. Ich habe geschrieben, “vermutlich sollten wir beides”, vier Absätze weiter oben. Ach, was soll’s, hat eh keinen Wert…)

11 Replies to “Solidarität mit Aliaa Magda Elmahdy”

  1. vielen dank für deine gedanken!!
    zum glück gibt es menschen, die nicht alles mit sich machen lassen, aufbegehren und aufrütteln.
    man kann dieser frau nur wünschen, dass ihr nichts passiert!

  2. recht hast du. auch wenn ich eher weniger akte, ja menschen fotografiere – jeder sollte das recht haben zu fotografieren und auch zu veröffentlichen was ihm am herzen liegt (solange es nicht menschenverachtend, und und – ich denke da sind wir einer meinung)… und das ohne das sich jemand einmischt…

    und fb, iper und co. – schwamm drüber, es ist einfach lächerlich (wenn es nicht so ernst wäre!)

    ich hoffe noch viele bilder von ihr sehen zu können…

    1. Ja, aber siehst Du, genau da ist das Problem: “fb, iper und co. – Schwamm drüber”… eigentlich eben gerade *nicht*

      Sie zensieren. Es ist uns egal.

      Sie werfen unsere Freunde raus. Es ist uns egal.

      Sie lassen sich von guten, treuen, deutschen Blockwarten unterwandern. Es ist uns egal.

      Sie werfen nackte Schwänze raus, lassen Brüste aber drin. Es ist uns egal.

      Sie werfen alles raus was nur ansatzweise nackt ist, aber heldenhafte amerikanische GI Joes dürfen mit MP im Anschlag vor ihrem Kriegsspielzeug posen. Es ist uns egal.

      Irgendwann war uns das alles viel zu lange egal, und plötzlich müssen wir uns wundern, in welcher Welt wir leben.

      Nicht, dass ich nicht auch des Nichtstuns schuldig wäre. So schlimm das auch ist, in meinem Alter lässt der revolutionäre Geist allmählich ein bisschen nach…

  3. Respekt..!

    Was ich mir schon alles anhören musste, weil ich Aktfotos von mir habe machen lassen, das ging über “so kriegen Sie bestimmt keinen Job mehr”, bis “wieviel kriegst Du eigentlich die Stunde fürs F.cken?!”

    Aber das ist ja dann doch noch mal ne Nummer krasser und bewundernswerter!

    1. Genau mein Punkt. So irrsinnig aufgeklärt sind wir nicht.

      In Wirklichkeit haben wir ganze Armeen von verklemmten Spiessern um uns herum, die nur darauf warten, dass ihre Zeit kommt. Oder dass ihnen eine Plattform wie google+ ein Werkzeug zum Denunzieren in die Hand gibt. Oder was auch immer.

      Wehret den Anfängen, etc. pp.

  4. egal isses mir nicht – aber ich geb zu es tangiert mich nur (so wie bei euch beiden halt) – und ich bin einfach zu bequem, anderweitig beschäftigt, feige – was auch immer – mich sehr zu engagieren….

    sorry – menschen sind so – oder so…

    1. Brauchst Dich nicht entschuldigen… bei mir isses ja genau so. Klar hätte ich auf ipernity noch viel mehr kämpfen können, als sie aus lauter Angst vor ihren Investoren gesäubert haben… und klar hätte ich wegen dieser faschistoiden g+ Geschichte noch viel mehr und öffentlichkeitswirksamere Aktionen fahren können… aber irgendwann fragt man sich: Wozu das alles? So läuft das leider…

  5. das “wozu das alles…” ist der springende punkt! und ich hab auch so viel mit mir selber zu tun, mit mir und meinem ich klarzukommen, das dieser satz immer öfter auftaucht… (ja, so egoistisch bin ich…)

  6. “Das große Fotoportal Flickr zensiert ganze Fotostreams ohne Vorwarnung, egal ob künstlerischer Akt, verdeckter Akt oder in-your-face-Pornografie. Nacktheit reicht (und natürlich einer, der petzt).”

    Ich glaube das passiert nur den Leuten die ihren Stream als safe einstufen und dann die entsprechenden Bilder nicht als moderate bzw. restricted einstufen. Wenn man sich an die Regeln hält hat man imho nichts zu befürchten. Andernfalls gäbe es auch keine Gruppen die sich mit Akt-Fotografie beschäftigen auf Flickr.

    1. Stimmt. Aber was auch immer “restricted” ist, kannst Du in Deutschland nicht sehen (kannst Du natürlich doch, musst halt eine US-Adresse zum Anmelden benutzen). Und vor zweieinhalb Jahren (oder wann auch immer diese censr-Geschichte war; ich werde alt…) war das noch ganz anders. Da war Deutschland ganz plötzlich vollkommen weg vom Fenster. Es brauchte einen ganz enormen Shitstorm, um Flickr zum Einlenken zu bewegen…

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