Macht

Vorbemerkung: Alle Personen und Handlungen in dieser Erzählung sind frei erfunden. Diese Erzählung soll keine Kritik an psychotherapeutischen Behandlungsverfahren darstellen, sie ist wirklich nur dieses: Eine fiktive, fantastische Geschichte.

 

1.

“Waaaaaas? Nein, ehrlich?!”

Marias helles Lachen hallte durch das gesamte Restaurant. Einige der Gäste an den umliegenden Tischen, ihre überwiegende Anzahl in teure Anzüge und Abendkleider gekleidet, drehten sich kurz zu ihr um und bestraften sie mit verständnislosen Blicken… man war ein solches Auftreten in diesem Etablissement nicht gewohnt, ebenso wenig wie man Marias eher legeren Kleidungsstil gewohnt war. Zwar war die von ihr getragene Bluse mit dem Jackett darüber keinesfalls billig, aber sie war eben auch noch lange nicht teuer genug, um hier etwas zu gelten. Hier war die High Society.

Hier trafen sich die Macher. Diejenigen, die es zu etwas gebracht hatten.

So wie Thomas Breitwieser.

Prof. Dr. Thomas Breitwieser.

Thomas, der sie nach seiner frenetisch bejubelten Rede auf der Jahrestagung der Gesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hierher ausgeführt hatte.

Thomas, der Erfinder der postregressiven Unifikationstherapie, die in eine Revolution in der Psychotherapie ausgelöst hatte, wie sie es bis dahin noch nicht gegeben hatte.

Thomas, den sie seit ihrer Studienzeit nicht mehr gesehen hatte, und der in den letzten acht Jahren dank seiner Erfindung zu einer internationalen Größe in der Psychotherapie geworden war, mit brillanten, über die Fachpresse hinaus gefeierten Publikationen und Vorträgen auf der ganzen Welt.

Thomas, der ihr jetzt gegenüber saß und Marias Erstaunen über seine letzten Worte sichtlich genoss.

“Ja, ganz ehrlich. Er hat mich in Tübingen persönlich besucht, um mir den Lehrstuhl für Psychologie schmackhaft zu machen.” bestätigte er nochmals, was er eben schon erzählt hatte.

“Unglaublich”, entgegnete Maria, wieder ein bisschen ruhiger. “Dabei hat er Dich damals überhaupt nicht leiden können… ein paarmal hätte er Dich am liebsten aus dem Seminar gekickt, glaube ich.”

“Hach ja… unser lieber Herr Professor Rudolf… er musste es dann eben doch irgendwann einsehen…” sagte Thomas in ironischem, langgezogenem Tonfall und schloss damit ab, dass er Marias hübsches Lächeln erwiderte.

Er griff zu der Weinkaraffe, füllte erst Marias und dann sein eigenes Weinglas wieder auf, um ihr dann schließlich zuzuprosten.

“Auf Professor Rudolf, der einmal in seinem Leben etwas richtig gemacht hat”, sagte er und stieß mit Maria an.

Thomas musterte sie ausgiebig, als sie das Glas wieder abgesetzt hatte. Sie hatte sich kaum verändert seit damals… in ihrem Gesicht war inzwischen, wenn das Licht ungünstig fiel, ein ganz leichter Anflug von Falten zu sehen, der sie irgendwie traurig ausschauen ließen.

Aber ansonsten war sie dieselbe geblieben… ihre dunkelbraunen, beinahe schwarzen, glatten Haare, ihre dunkelbraunen, großen Augen, ihre roten Lippen. Seine Blicke wanderten ihren Hals hinab, verweilten kurz an ihrem sternförmigen Anhänger, wanderten unverhohlen weiter hinunter zum Ausschnitt ihrer viel zu weit aufgeknöpften Bluse, unter deren dünnen Stoff sich sehr deutlich die Umrisse ihrer Brüste, die Muster ihres Spitzen-BHs und ihre Nippel abzeichneten.

Er nahm sich zusammen und widmete seine Aufmerksamkeit wieder dem kleinen Rest Fischfilet, das vor ihm auf dem Teller lag. Marias Brustwarzen würde er nachher sowieso genauer in Augenschein nehmen können, daran gab es nicht den allergeringsten Zweifel.

Er lächelte in sich hinein und fühlte eine seltsame Mischung aus Freude und Bedauern, als ihm bewusst wurde, wie egal sie ihm inzwischen geworden war. Es würde garantiert ein geiler Fick werden, mehr jedoch nicht.

Doch vor acht Jahren noch, im Studium, da war er richtig unglücklich verliebt gewesen in Maria, voller Fürsorge und Verständnis, aber ohne dass er auch nur die allergeringste Chance gehabt hätte. Und das nicht nur, weil er schüchtern und besorgt um ihre gute Freundschaft war…

Nun ja, dieses Mal war der Fall sowieso klar, und mit Zuneigung und Verständnis hatte dies hier schon lange nichts mehr zu tun. Es waren so viele Jahre ins Land gegangen, und es hatte sich so viel geändert…

“Und, wie ist es Dir so ergangen?” fragte Thomas, nachdem er beim Kellner die dritte neue Karaffe Wein geordert hatte.

Maria seufzte. “Ach ja, lange nicht so gut wie Dir…”, antwortete sie. “Dass ich meinen Job bei der Rehaklinik in Frankfurt verloren habe, hast Du mitbekommen?”

Thomas schüttelte den Kopf. “Nein, das habe ich nicht… was ist passiert?”

“Ach, ich war vollkommen überfordert… ich hab’s einfach nicht auf die Reihe gekriegt. Und dann setzte ich mich ein paarmal über die Supervision hinweg… und fing mit einem unserer Patienten etwas an…”

“Au wei”, entfuhr es Thomas.

“Ja, au wei… er war Geschäftsführer in einer Unternehmensberatung und politisch engagiert, eigentlich ein super Typ, weit rumgekommen und mit viel Einfluss, und ein echt schickes Kerlchen… aber halt mit depressiven Schüben… und ich flog dann irgendwann raus…, und mit Frank, so hieß er, war ich dann noch ein halbes Jahr zusammen, dann ging das auch in die Brüche… er wurde rückfällig, obwohl ich gedacht hatte, er wäre geheilt, und darüber zerbrach dann die Beziehung…”

Thomas nickte.

“…naja, eigentlich hauptsächlich darüber, dass er mir null weiterhalf als ich meinen Job verlor, und sich eigentlich überhaupt nicht um mich kümmerte, und sich null für die Dinge interessierte, die ich wichtig fand…”

Also wie immer, dachte sich Thomas im Stillen und musste sich einige Mühe geben, ein Lächeln zu unterdrücken.

“Und wie hast Du dann wieder Arbeit gefunden?” wollte er wissen.

“Na ja, ich hab sehr lange gesucht… war schwierig, es hat sich ja auch herumgesprochen was ich angestellt hatte… aber es gab dann tatsächlich noch eine Suchtklinik im Eiterbachtal, die mich genommen hat.. dort sagen sich echt Fuchs und Hase gute Nacht, aber es ist auch schön ruhig… da bin ich jetzt seit zwei Jahren und mache tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie… hauptsächlich Trinker und ganz wenige mit härteren Drogen…”

“Und seither keine weiteren Katastrophen?”

Maria lächelte und nahm einen weiteren Schluck Wein aus dem Glas, das Thomas gerade aus der neuen Karaffe nachgefüllt hatte. “Nee, glücklicherweise nicht!”

“Und wie ist es dort so?”

Ihr Lächeln entglitt ihr, und da war er, dieser traurige Gesichtsausdruck, der genau zu ihren Falten passte.

“Was hast Du?” fragte Thomas.

“Ach ich weiß nicht… ich hab… das ist ganz schrecklich, das so zu sagen… aber ich hab so ein bisschen den Glauben an die ganze Sache verloren… ich habe das Gefühl, ich hab in den 8 Jahren niemandem wirklich weitergeholfen… und weitergekommen bin ich persönlich auch nicht, keinen Millimeter…”

Thomas nickte. Dieses Gefühl kannte er nur allzu gut, und er wusste, dass Maria weiter reden würde. Also wartete er ab, bis sie die Worte gefunden hatte.

“…und… und… wenn ich Dich so anschaue… wieviel Du erreicht hast… Du bist berühmt, alle fragen Dich um Rat… Deine Meinung zählt etwas… Du bist wirklich nach ganz oben gekommen…”

Sie atmete hörbar ein und aus. “Ach, ich weiß nicht… ich würde echt gerne wissen… wie hast Du es geschafft, da hin zu kommen wo Du jetzt bist… wie konntest Du solche Erfolge haben und all diesen Menschen helfen, und warum komme ich nicht weiter?”

Thomas registrierte, wie schleppend diese Worte ihre Lippen verließen… der Alkohol zeigte allmählich deutlich seine Wirkung bei ihr. Und er registrierte ihren fragenden Blick, ihre weit geöffneten Augen.

Er runzelte die Stirn, denn er war beinahe schockiert von dem Gedanken, der ihm urplötzlich durch den Kopf schoss.

Der Gedanke daran, seine Geschichte zu erzählen, sein Geheimnis zu verraten.

Sollte er es tatsächlich tun? Der weitere Verlauf des Abends war klar, warum sollte er also etwas von sich offenbaren? Er hatte es bis jetzt niemandem erzählt… warum ausgerechnet Maria? Diesem armen, kleinen, naiven Ding? Dieser Frau, die im Prinzip einfach nur bedauernswert war?

Vielleicht, weil es die ganze Angelegenheit noch intimer machen würde. Und was konnte schon groß passieren? Selbst, wenn sie ihm seine Geschichte glauben würde… kein Mensch würde ihr glauben, sollte sie sie weitererzählen. Und egal wie sie reagieren würde – sie hätte keine Chance, den Lauf der Dinge zu ändern, ihr Weg war vorgezeichnet, sie war ihm vollkommen ausgeliefert. So wie sie ihr ganzes Leben lang die Sklavin ihres Unvermögens gewesen war, ihre Ansichten zu ändern und sich selbst klar zu sehen… so würde sie heute Nacht seine Sklavin sein – sehenden Auges wie es dazu kommen konnte. Und es war genau dieser Gedanke, der Thomas geil machte.

“Was denkst Du?” fragte sie, als sie sein Stirnrunzeln bemerkte.

“Ich denke, es gibt ziemlich einfache Antworten auf deine Fragen… und ich habe mir gerade überlegt, ob ich sie Dir wirklich sagen soll.”

“Ja”, sagte Maria eindringlich, “ich möchte es gerne erfahren.”

“Es ist gut möglich, dass Dir die Antworten nicht gefallen und weh tun werden… und dass Du mich danach nicht mehr leiden kannst. Willst Du sie trotzdem hören?”

Maria lächelte. “Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass das passieren wird”, sagte sie, “ich würde wirklich gerne hören, was Du zu erzählen hast.”

2.

 

“Ok”, sagte Thomas, trank ein weiteres Glas Wein aus und atmete tief durch. Allmählich wurde auch er betrunken, aber das war ihm gerade recht. Es würde seine Antworten leichter machen.

“Also zunächst einmal… Du hast recht, ich habe ein paar Menschen im Laufe meiner Karriere als praktizierender Therapeut tatsächlich geholfen… aber nicht durch Therapiesitzungen…”

“Wie meinst Du das?” fragte Maria irritiert.

“Ich meine das so, wie ich es sage… was Du in der Klinik tust, was ich lange Zeit in meiner Praxis getan habe… es ist Quatsch. Es ist nichts als Humbug.”

“Aber wie kannst Du…?”

“Wie ich das behaupten kann? Das ist ganz leicht… ich nehme an, der Name Leslie Prioleau sagt Dir etwas…?”

“Dunkel erinnere ich mich da an was…”, sagte Maria, die nun ziemlich verwirrt dreinschaute. “War das nicht eine der Sachen, über die Du Dich damals mit Professor Rudolf in die Haare gekriegt hast?”

“Ja genau, und wie wir uns in die Haare gekriegt haben. Prioleau sammelte in einer Metastudie die Ergebnisse 32 unabhängiger Untersuchungen zur Wirkung der Psychotherapie… und keine dieser Untersuchungen kam zu dem Schluss, dass Psychotherapie wirksamer wäre als die Behandlung mit einem Placebo.”

“Ach komm, das ist soweit ich mich erinnere ewig her”,

Thomas lachte. “Natürlich ist das ewig her… es war 1983 oder so. Und weil das Ergebnis so vernichtend war, verpflichtete sich Prioleau auch, diese Feststellung zurückzuziehen, sowie ein schlüssiger Gegenbeweis vorliegen würde.”

“Lass mich raten”, unterbrach Maria aufmüpfig. “Der Gegenbeweis steht bis heute aus.”

Thomas nickte. “Genau das tut er. Und merkst Du auch, was Du tust?”

Maria zuckte mit den Schultern. “Was tu ich denn?”

“Du gehst sofort auf Contra. Du willst es nicht wahr haben. Du hast vorhin noch gesagt, Du verlierst ein bisschen den Glauben an die ganze Sache, aber eben nur ein bisschen.

In Wirklichkeit aber möchtest Du daran glauben – Du wünschst Dir, dass ich Dich davon überzeuge, dass Du im Grunde das Richtige tust, und dass es alles schon irgendwie einen Sinn hat.

Du möchtest genau so daran glauben, wie die ganzen armen Gestalten daran glauben, mit denen Du tagein, tagaus in ihrer traumatischen Kindheit rumrührst, denen Du zeigen möchtest, wo ihre Unzulänglichkeiten und Verletzbarkeiten herkommen, in der nirgendwo schlüssig bewiesenen Annahme, sie könnten dann besser damit umgehen.”

“Aber ich habe schon so und so vielen Menschen geholfen… und sie haben sich besser gefühlt…”, widersprach Maria.

“Ja, das haben sie vielleicht. Aber nicht, weil die Psychotherapie so eine tolle Erfindung ist. Sie haben sich aus ganz anderen Gründen besser gefühlt”.

Thomas war nun richtig in Fahrt, und weil Maria ganz genau die Einwände auffuhr, die er erwartet hatte, wurde das selbstgefällige Lächeln in seinem Gesicht immer deutlicher.

“Und aus welchen Gründen meinst Du haben sie sich besser gefühlt?” fragte Maria.

“Woher soll ich das denn wissen? Da gibt es viele Möglichkeiten.

Zuallererst vermutlich, weil sie einfach daran glauben. Glauben hilft, wie wir beide wissen, bei Placebos ganz enorm. Einfach den Menschen vermitteln, sie nehmen ein ganz tolles, neues, teures Medikament ein, und die Sache ist schon so gut wie geritzt, auch wenn sie letztendlich nur eine Mehltablette schlucken… es funktioniert bei Homöopathie, deren garantierte und absolute Wirkungslosigkeit inzwischen alle sechs Monate wissenschaftlich schlüssig bewiesen wird… die Menschen glauben trotzdem in Scharen daran, zahlen Unsummen für den Scheiß und fühlen sich besser!

Oder sie fühlen sich deshalb besser, weil sie endlich mal jemand haben, mit dem sie reden können, weil Du den besten Freund oder die beste Freundin ersetzt. Viele Menschen haben niemanden, dem sie sich anvertrauen wollen, weil sie aus dem einen oder anderen Grund einfach nicht in der Lage sind, auf normale Weise Freundschaften zu schließen und Vertrauen herzustellen… aber das alles hat mit der Methodik nichts zu tun, die ist nichts als heiße Luft…”

Maria schüttelte den Kopf und lachte laut. Wieder schauten sich ein paar Leute irritiert um.

“Was hast Du?” fragte Thomas.

“Ich glaub es einfach nicht… mir gegenüber sitzt Prof. Dr. Thomas Breitwieser, Koryphäe der Psychotherapie, und möchte mir allen Ernstes weismachen, daß all die Sachen, mit denen er solche wahnsinnigen Erfolge feiert, die Inhalte seiner Bücher und seiner Vorträge… dass das alles Quatsch sein soll?”

“Ja, genau”, gab Thomas zu.

“Aber… aber warum?” fragte Maria.

“Weil ich ehrlich zu Dir sein will.”

“Aber warum hältst Du dann diese Vorträge… warum schreibst Du diese Bücher… Moment…! Du machst gerade mit mir irgendeinen Test, Du verarschst mich, stimmt’s? Du willst rauskriegen wie ich mich verhalte, Du willst es analysieren…”

“Nein!” unterbrach Thomas. “Ich mache keine Tests. Ich sage Dir die ganze Wahrheit… ich war noch nie in den letzten Jahren so ehrlich. Ich weiss, wenn man in unserem Gebiet arbeitet, dann bekommt man eine sehr distanzierte und analytische Sicht auf viele Dinge… aber glaub mir, ich habe keine Hintergedanken, ich sage einfach nur die Wahrheit.”

Maria schaute, wenn das möglich war, noch verständnisloser drein.

“Aber warum dann? Warum Deine Veröffentlichungen…?”

“Weil man davon prima leben kann, insbesondere wenn es einem alle abkaufen. Du hast es sicher schon bemerkt, dass wir eine gewisse Macht haben…”

“Ich verstehe immer weniger… was meinst Du damit?”

“Ach Maria, beobachte doch einfach mal ganz genau, was passiert, wenn sich zwei Menschen treffen, die in psychotherapeutischer Behandlung sind… es gibt sofort kein anderes Thema mehr. Und der Freundes- und Bekanntenkreis wird auch gleich mit reingezogen… ‘und ich habe jetzt dies über mich erfahren, und er hat mir das gesagt, und ich sehe jetzt viel klarer… ich weiß jetzt was ich will und was ich brauche… blah blah blah!’… es ist wie eine tolle neue Religion, deren Jünger sich zufällig treffen, und alle reden sie plötzlich die gleiche Sprache, nämlich dieses infame, selbstanalytische Psychogelaber… und damit lässt sich jede Menge Kohle machen… auf jeden Fall wesentlich mehr Kohle, als wenn man den Leuten einfach sagen würde, ‘sucht euch eben in Gottes Namen endlich einen anderen Job oder endlich einen vernünftigen Partner oder endlich Freunde welche diese Bezeichnung verdienen. Und zwar heute, nicht erst morgen, nicht erst nach fünfhundert Stunden sinnlosem Gelaber.Jetzt.'”

“Du meinst, Du machst das alles nur, um Geld zu verdienen und Ansehen zu gewinnen?”

Thomas lachte. “Genau, endlich kapierst Du worauf ich hinaus will…”

Marias Gesichtsausdruck spiegelte ein Zwischending aus Entsetzen und Heiterkeit wieder. “Tut mir leid, ich kann Dir das einfach nicht glauben…”

“Oh, keine Bange… zumindest diesen Teil meiner Geschichte wirst Du mir schon noch glauben”, erwiderte Thomas.

“Und wie willst Du das anstellen, dass ich ihn glaube?”

Thomas beugte sich nach vorne und sprach zu Maria in gedämpfter Stimme, ja, er flüsterte beinahe. Und doch klang jedes seiner Worte ernsthafter, wahrhafter und bedeutungsvoller als alles andere, was er an diesem Abend zu Maria gesagt hatte.

“Indem ich Dir jetzt erstmal sagen werde, was ich von Dir halte.

Du bist nach meinem Empfinden nichts weiter als ein hirnloses Flittchen, das von der Welt nicht die allergeringste Ahnung hat.

Du gibst Dich hier und heute mit mir ab, lächelst Dein schönes Lächeln und lässt mich in Dein Dekolleté schauen, weil ich berühmt bin, einen Plan habe und einen Anzug mit Krawatte trage – aber vor acht Jahren, als ich wirklich noch etwas für Dich empfand, für Dich da sein wollte, und mir Nacht um Nacht mit Gedanken an Dich um die Ohren schlug… da hast Du mir die kalte Schulter gezeigt und es stattdessen vorgezogen, Dich von einer wahren Meute an schicken, belanglosen und an Deinem Leben vollkommen desinteressierten Typen durchvögeln zu lassen.

Weil Du dachtest, ich sei ein einsamer Verlierer, würde mein Leben nicht auf die Reihe kriegen und würde Dich nicht weiter bringen… es kam und kommt Dir immer nur auf lächerliche Oberflächlichkeiten an, weiter reicht Dein trauriger Horizont nicht… im Grunde bist Du komplett lachhaft, Du bist einfach nur kaputt, Du bist eine Karikatur.”

Maria schluckte und schaute Thomas schockiert an.

“Und dennoch denke ich”, fuhr Thomas fort, “dass Du jetzt nicht beleidigt abhauen wirst, was eigentlich normalerweise Deine Reaktion wäre, sondern dass ich jetzt die Rechnung bezahle und wir beide dann zusammen einen schönen, romantischen Nachtspaziergang den Neckar entlang machen werden.”

Es dauerte eine Weile, bis Maria zu ihrem eigenen, grenzenlosen Erstaunen, ihr Lächeln wieder gefunden hatte. “Es stimmt… Du hast recht. Aber warum ist das so? Warum geb’ ich Dir jetzt nicht einfach eine Ohrfeige und verschwinde?”

“Die Antwort darauf ist ein bisschen zu privat für dieses Etablissement. Aber ich werde sie Dir auf unserem Nachtspaziergang geben.”

“Ok, dann lass uns gehen.”

3.

 

Kurze Zeit später durchquerten sie zusammen in langsamen Schritten wortlos die nächtliche Heidelberger Altstadt, erreichten schließlich die alte Brücke und blieben in ihrer Mitte stehen, um das in rötliches Licht getauchte Heidelberger Schloss zu betrachten. Maria wusste nicht, was sie sagen sollte… es war eine eigenartige, verwirrende Situation für sie. Die blanke Verachtung, die Thomas ihr vor wenigen Minuten noch entgegen geschleudert hatte, wäre Grund genug gewesen, Thomas an Ort und Stelle den restlichen Wein ins Gesicht zu schütten, so schnell wie möglich zu verschwinden und ihn nie wieder sehen zu wollen.

Seine Selbstgefälligkeit, sein unerträgliches, wissendes Grinsen, seine keine Widersprüche duldende Ablehnung von alledem, was Maria gelernt und woran sie geglaubt hatte, seine Arroganz… sie ekelte sich vor ihm, sie war so wütend wie noch selten zuvor…

Und doch standen sie jetzt hier, an jenem Platz, an dem vor ihnen schon Millionen von anderen Menschen gestanden waren, um Heidelbergs beinahe schon comichafte Romantik auf sich wirken zu lassen, und geschehen zu lassen, was offensichtlich geschehen musste.

Nachdem sie auf einem der klassizistischen Balkone angekommen waren, welche die Pfeiler der Brücke schmückten und ihren Besuchern eine schwache Illusion von Abgeschiedenheit bescherten, legte Thomas seinen Arm um Maria und drückte sie langsam aber bestimmt an sich.

Maria drehte sich zu ihm hin, ihre großen, dunkelbraunen, fragenden Augen trafen die seinen – und ehe sie sich versah, fühlte sie seine Lippen auf den ihren, fühlte seine Zunge langsam und zärtlich ihre Zunge umspielen, fühlte seine Hände an ihrem Rücken erst die Haut unter ihrer Bluse und dann unter dem Bund ihrer Hose erforschen.

“Ein hirnloses Flittchen, das von der Welt nicht die allergeringste Ahnung hat”… Thomas’ Worte hallten wie ein Echo durch ihre Gedanken, doch es war ihr nicht möglich, sich gegen das, was sie tat, zu wehren. Sie fühlte sich unendlich stark angezogen von ihm, wollte ihn nicht loslassen. Wollte seinen Körper spüren, seinen Geschmack auf ihrer Zunge haben, wollte ihn tief in sich fühlen, so schnell wie möglich. Und sie hatte eine riesige Wut, sie verachtete ihn, doch das eine Gefühl stand ohne Zusammenhang neben dem anderen… sie konnte nichts tun…

Nur weil Thomas sie auf keine Art und Weise drängte oder allzu fest hielt, gelang es Maria mit erheblicher Mühe, sich aus der Umarmung zu befreien und Thomas abermals in die Augen zu schauen, dieses Mal schwer atmend.

“Sag mir bitte, was ich hier mache”, forderte sie mit gleichermaßen vor Angst und vor Erregung brüchiger Stimme. “Wie kommt es, dass ich immer noch bei Dir bin?”

“Aus dem gleichen Grund, warum ich in meinen Büchern auch einfach nur ‘blah blah blah, ihr seid alle zusammen ein Haufen Vollidioten und Arschlöcher’ schreiben könnte, und sie wären trotzdem ein Erfolg”, antworte Thomas leise.

“Erzähl’s mir… was ist der Grund?”

Thomas zog seine Hände langsam zurück, legte einen Arm um Maria und lief mit ihr zusammen weiter.

“Es war vor fünf Jahren”, begann Thomas zu erzählen, “und es kommt mir vor, als wäre es gerade mal eine Woche her…, ich hatte seit einiger Zeit diese kleine Praxis in Stuttgart bezogen, und meine Klienten waren das normale Programm… Zukunfts- und Versagensängste, überfordert und gestresst, unsicher und allein… keine Krankheiten, einfach nur Begleiterscheinungen einer Gesellschaft, welche die Menschen dazu erzieht, auf keinen Fall irgendetwas im Leben zu ändern und koste es was es wolle normal und funktionsfähig zu bleiben.

Ich tat, was ich gelernt hatte… fortdauernde Einflüsse aus Kindheit und Jugend ans Tageslicht bringen, dabei helfen, unbewusste und unverstandene Wünsche zu artikulieren… und dabei zuschauen, wie das alles aus zunächst einfach nur unglücklichen Menschen obendrein auch noch unglückliche Menschen mit einem zwanghaften Bestreben zur Selbstanalyse machte.

Aber eigentlich, so ging es mir sehr schnell auf, ist das ein richtig genialer Job. Die Sache zieht sich Ewigkeiten ohne irgendeine Wirkung hin, und trotzdem zahlen die Leute 90 Euro die Stunde dafür und fressen einem irgendwann aus der Hand. Alle hingen sie früher oder später an meinen Lippen und werteten jede kleine Äußerung von mir wichtiger als das, was irgendeine andere Person jemals zu ihnen gesagt hatte.

Und fast alle waren schnell an dem Punkt angelangt, an dem sie jede Erkenntnis, die ich ihnen in den Mund legte, als universelle Weisheit ansahen… ich musste sie nur dazu bekommen, ‘Ich brauche also das und das… aha, so ist das…’ zu sagen, und sie liefen los und waren vollkommen überzeugt davon… als ob alles so einfach wäre.

Eines Tages meldete sich ein neuer Patient zu probatorischen Sitzungen an. Ihm war, wie immer, von Freunden und Bekannten zur Psychotherapie geraten worden, und meine Telefonnummer war die erste gewesen, unter der er keinen Anrufbeantworter an der Leitung gehabt hatte.

Jan Kunau, der Mann, der mein Leben veränderte.

Hätte ich am Anfang genauer hingehört wäre ich wesentlich schneller darauf gekommen, was tatsächlich mit ihm los war. Jan sagte mir ganz am Anfang, ‘Ich bin mir absolut sicher… alles was ich mir ganz furchtbar sehnsüchtig und von Herzen wünsche, das wird grundsätzlich nicht passieren’.

Genaueres Nachfragen ergab, daß diese Dinge, die er sich so sehnsüchtig wünschte, die Üblichen waren: Daß seine Frau ihn wieder liebt und sexuell anziehend findet und daß er im Job nicht nur die ganze Zeit die gleiche Drecksarbeit wie schon seit Jahren machen muss. Das Standardprogramm – seine Ehe war am Ende, im Job ließ er sich ausbeuten, und trotzdem war er nicht gewillt, auch nur eines davon zu ändern.

Du kannst Dir vorstellen, was meine Vorgehensweise war… und die ergab natürlich keinerlei nennenswerte Verbesserung, auch nach Monaten nicht.

Doch dann kam dieser Tag, den ich nie vergessen werde. Es war Hochsommer, ein Montag im Juli, der Geburtstag meiner Schwester, und ich sehe alles noch ganz deutlich vor mir.

Als wir die Sitzung begannen, fragte ich Jan, wie üblich, wie seine Woche gewesen sei, ob es Probleme gegeben hätte… und er erzählte mir die Geschichte von diesem kleinen Mädchen, das er, auf einer Parkbank sitzend, beobachtet hatte.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, befand sich eine Eisdiele, und dieses Mädchen war zusammen mit seiner Mutter unterwegs gewesen.

‘Sie hätten sehen sollen, wie plötzlich die Augen des Mädchens hell leuchteten, als es die bunten, süßen Kugeln sah’, erzählte er, ‘und wie ein Lächeln im Gesicht des Mädchens erschien… ein schöneres Lächeln als ich es je in meinem ganzen Leben gesehen habe… einfach die Freude an sich, das Glück an sich. Das Mädchen blieb an der Eisdiele stehen und betrachtete die Auslage… und rannte dann mit einem noch größeren Lächeln voll der Vorfreude seiner Mutter nach und zupfte sie am Ellebogen.

In diesem Moment wünschte ich mir nichts mehr auf der Welt, als daß das Mädchen sein Eis bekommen würde… daß dieses Geschöpf für dieses wunderbare Lächeln belohnt werden würde, daß es sich weiter freuen könnte… daß es so etwas schönes in der Welt wie diese Freude gab, und daß sie nicht aufhören sollte… daß das Mädchen alles bekam was es wollte, daß es glücklich war, daß es immer und solange es lebte glücklich sein sollte…’

‘Und was ist passiert?’ fragte ich.

‘Da fragen Sie noch?’ antwortete er, den Tränen nahe. ‘Die Mutter war gestresst und verärgert darüber, daß das Mädchen getrödelt hatte… sie packte die Kleine am Arm, zog sie an sich und hielt ihr eine Standpauke, die die ganze Straße hinunter zu hören war, und ich… ich…’

Er brach in Tränen aus.

‘Was tat das mit Ihnen?’ fragte ich ihn.

‘Ich bin so schrecklich unglücklich… weil ich ganz genau weiß daß ich schuld bin… und an noch viel mehr… daran, dass dieses Mädchen in Zukunft nicht die Liebe bekommt die es verdient… weil ich es mir gewünscht habe…!’

Jan brauchte eine Weile, um überhaupt wieder zu sich zu kommen.

‘Sie denken, Sie haben dieses Mädchen ins Verderben gestürzt, weil Sie sich von Herzen gewünscht haben, dass sie ein glückliches Leben führt?’, fragte ich ihn schließlich.

‘Ja… ich habe ihr Leben verbockt… einfach so’, schluchzte Jan.

Frag’ mich nicht was es war… aber irgendetwas berührte mich an seiner Geschichte… vielleicht war es einfach nur sein verzweifeltes Gefangensein in dieser fixen Idee, das Leben dieses Mädchens zerstört zu haben… ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war ich ein wenig durcheinander.

Das wird auch der Grund dafür gewesen sein, dass ich in diesem Moment von meiner üblichen 08/15-Behandlungsmethodik Abstand nahm und etwas vollkommen anderes tat.

Ich hatte in meiner Praxis ein Fotoalbum liegen… ein Fotoalbum, das ich am Abend meiner Schwester zum Geburtstag schenken wollte. Darin waren größtenteils Fotos, die den Hund meiner Schwester und meine Schwester zusammen mit ihrem Hund zeigten.

Man muss dazu wissen, dass eben jener Hund selbst vor vier Jahren mein Geburtstagsgeschenk für meine Schwester gewesen war – ein Bekannter hatte damals Welpen abzugeben gehabt, und weil meine Schwester sich schon immer einen Hund gewünscht hatte und erst kürzlich in eine Wohnung gezogen war, in der sie sich auch einen Hund halten durfte, zögerte ich damals nicht lange.

Es war ein voller Erfolg gewesen – meine Schwester liebte diesen Hund abgöttisch, vom ersten Tag an, und umgekehrt war es ebenso… was auf sämtlichen Fotos in diesem Album auch sehr gut zu erkennen war. Ein überglückliches Paar, auf sechsundzwanzig Seiten Fotokarton…

Ich ging also hin und zeigte Jan das Album, einfach nur, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Das gestaltete sich sogar recht einfach, denn Jan war für simple Dinge, die ans Herz gehen, äußerst empfänglich… und dank der üblichen Therapie-Nebenwirkungen war ich zu diesem Zeitpunkt schon längst sein bester Freund geworden, der einen enormen Einfluss auf ihn hatte und dem er aufmerksam zuhörte.

Ich erzählte ihm Geschichten von meiner Schwester und ihrem Hund, erzählte ihm zu vielen Bildern die Hintergrundstory… und bald hatte ich wieder ein großes Lächeln auf sein Gesicht gezaubert. Er half mir sogar noch, das Album in Geschenkpapier einzupacken, das ich zu diesem Zweck in der Mittagspause beim Zeitschriftenhändler gegenüber gekauft hatte.

Ich hatte ja keine Ahnung.

Ich hatte keine Ahnung, was ich meiner Schwester und dem Hund antat, indem ich Jan das Album zeigte. Er hatte sich so gefreut über die Bilder, er war so glücklich gewesen für meine Schwester und ihren Hund. Er hatte sich von Herzen gewünscht, dass sie noch lange glücklich miteinander sein würden.

Als ich abends mit dem liebevoll eingepackten Geschenk bei meiner Schwester ankam, da war der Hund schon seit circa fünf Stunden tot.”

4.

 

Maria blieb stehen und schaute Thomas an. Schreck und Entsetzen waren ihr ins Gesicht geschrieben.

“Ist das wirklich wahr?” fragte sie.

“Ja, ist es”, antwortete Thomas.

“Aber wie ist das passiert…?”

“Sie waren gassi gegangen… der Hund war mit wedelndem Schwanz vor meiner Schwester her gelaufen… und plötzlich zusammengeklappt. Erst knickten die Vorderbeine ein und er fiel mit der Schnauze auf den Gehweg, dann folgten kurz später die Hinterbeine.”

Maria schüttelte entsetzt den Kopf.

“Meine Schwester war am Boden zerstört… etwas Schlimmeres war ihr im ganzen Leben noch nicht passiert. Sie hatte das Tier wirklich geliebt, so geliebt wie man nur lieben konnte. Sie nahm die Leiche mit nach Hause, legte sie in ihr Körbchen, deckte sie zu und heulte Rotz und Wasser, den ganzen Abend lang, und auch die folgenden Tage…

Ich hab den Hund selbst gesehen, tot in seinem Körbchen… ich hab sein Fell gestreichelt, weil ich gar nicht begreifen konnte, was da geschehen war. Man denkt, er würde sich gleich rumdrehen, die Augen aufschlagen und einen freudig begrüßen, so wie immer, aber da ist nichts mehr… einfach tot…”

“Und Du denkst, Jan war dafür verantwortlich?” fragte Maria ängstlicher Stimme.

“Ich denke es nicht, ich weiß es ganz genau. Es war, so wurde mir später klar, genau zu dem Zeitpunkt passiert, als Jan und ich das Fotoalbum zur Hälfte durchgeschaut hatten…”

“Aber es könnte noch immer Zufall gewesen sein…”

“Es könnte. Aber es war kein Zufall. Es gab keinen Grund, der Hund war kerngesund, und vier Jahre ist absolut kein Alter für einen Hund… auch die Tierärztin konnte sich nicht erklären, was da passiert war. Sie sagte, es könnte höchstens ein Hirnschlag gewesen sein…”

Maria schluckte. “Und weiter?”

“Ich sagte meine Sprechstunde am nächsten Tag ab, ich musste erstmal zu mir kommen. Den Großteil des Tages saß ich nur rum und überlegte mir, ob es wirklich Jan gewesen sein könnte, oder ob es vollkommener Unsinn war, das zu glauben.

Nachmittags dann setzte ich mich in mein Auto und fuhr einfach drauflos, ziellos, planlos. Ich fuhr über die Landstraße Richtung Villingen, bog mal hier ab, und mal dort… und kam schließlich gegen Abend an einem kleinen Weiher an, an dem ein mächtiger, uralter Baum stand. Es war ein schöner Anblick, irgendwie beruhigend und voller Frieden… dieser große Baum, die Abendwolken und der Sonnenuntergang, der dafür sorgte, daß der Baum sich auch aus nächster Nähe als Silhouette gegen den Himmel abzeichnete… Ich stieg aus und setzte mich vor dem Baum ins Gras. Eine Weile blieb ich da sitzen und tat gar nichts, dachte gar nichts, saß einfach so da… und dann hatte ich eine Idee. Die Idee schlechthin.

Ich holte meine Kamera aus dem Auto und fotographierte die Szene. Dann fuhr ich zurück.

Am Montag die Woche darauf hatte ich wieder eine Therapiesitzung mit Jan.

Nachdem er mir erzählt hatte, was die Woche über bei ihm gewesen sei – seine Frau war nicht ein einziges Mal mit ihm ausgegangen oder hatte Sex mit ihm gehabt, weil er sich beides von Herzen gewünscht hatte, ebenso wie er sich von Herzen gewünscht hatte, wenigstens an einem Tag mal früher nach Hause zu kommen und keine unbezahlten Überstunden schieben zu müssen… was natürlich auch nicht eingetreten war – sprach ich ihn auf das Fotoalbum an.

‘Ich habe Ihnen doch letzte Woche das Fotoalbum mit dem Hund und meiner Schwester gezeigt’.

Jan nickte.

‘Können Sie sich erinnern, was Sie fühlten, als ich Ihnen die Bilder zeigte und Ihnen die Geschichten dazu erzählte?’

‘Ich fand die Bilder schön… sehr schöne, glückliche Bilder…’

‘Haben Sie sich etwas gewünscht, als Sie die Bilder sahen?’ fragte ich.

‘Ich… ja… ich habe mir gewünscht, dass es noch lange so weiter gehen würde… dass der Hund zusammen mit Ihrer Schwester ein langes, glückliches…’

Er stockte, verstummte und schaute mich mit großen Augen, die sich langsam mit Tränen füllten, an.

‘Oh nein… oh mein Gott, es tut mir leid…’, stammelte er.

‘Was haben Sie?’ fragte ich, und es war eine enorme Anstrengung für mich, mir nichts anmerken zu lassen.

‘Ist der Hund… tot?’ fragte er, ganz leise, flüsternd.

‘Nein’, log ich. ‘Nein, Herr Kunau. Der Hund ist selbstverständlich nicht tot. Es geht ihm sehr gut, und meiner Schwester auch.’

Jan atmete kräftig auf. Er nahm ein Taschentuch und trocknete sich die Tränen ab.

‘Ich bin so froh…’, sagte er. ‘Ich bin so froh… ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich…’

‘Sie brauchen überhaupt keine Befürchtungen haben. Es ist alles in Ordnung”, unterbrach ich. ‘Ihre Wünsche bestimmen nicht das Schicksal anderer Menschen. Erinnern Sie sich an das Mädchen mit dem Eis?’

‘Ja, wie könnte ich das vergessen…!’

‘Auch sie wird sicherlich viele, viele glückliche Tage verbringen’, sagte ich, obwohl ich inzwischen die Möglichkeit ernsthaft in Betracht zog, daß Jan Kunau das Glück dieses Mädchens tatsächlich mit einem simplen Wunsch für immer zerstört hatte.

‘Entschuldigen Sie…’, sagte er, während er noch immer mit der Fassung rang, ‘ich kann mir das nur so schwer vorstellen… ich bin so froh… ich bin so glücklich, daß es dem Hund gut geht… so unglaublich glücklich… es ist eigentlich immer so, es passiert immer das Gegenteil…’

‘Ja, weil Sie das glauben sind Sie ja hier’, entgegnete ich und verabschiedete mich von jeglicher tiefenpsychologischen Methodik. Denn am Abend zuvor hatte ich den Entschluss getroffen, ein Experiment mit Jan durchzuführen. Ich wollte wissen, ob es diese Fähigkeit tatsächlich gab, oder ob ich sie mir eingebildet hatte.

‘Und meine Aufgabe ist es, Ihnen zu zeigen, daß es eben nicht so ist. Und Sie sehen ja… es ist nichts passiert… trotzdem sehen Sie auch, wir haben bis jetzt nur kleine Erfolge in der Behandlung.

Ich möchte deshalb vorschlagen, die Therapieform ein wenig abzuwandeln. Erstens würde ich gerne ab jetzt zwei Sitzungen pro Woche durchführen… und zweitens möchte ich eine neue, experimentelle Methodik anwenden. ‘

Natürlich hatte Jan keine Einwände, im Gegenteil, er war vollkommen enthusiastisch. Er wollte noch nicht mal Näheres über diese neue Methodik erfahren… ich war der Therapeut und der einzige Mensch, der ein offenes Ohr für ihn hatte und ihn wirklich verstand, ausserdem stand auf meinem Schild an der Treppe ‘tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, alle Kassen’, das war ja praktisch ein Gütesiegel. Was konnte also schief gehen?

Ich plauderte einfach drauflos. Smalltalk im wahrsten Sinne des Wortes, nichts Tiefgreifendes, nichts Bedeutungsschwangeres. Politik, Weltgeschehen, das Wetter, und natürlich verstanden wir uns prächtig, und Jan, ganz überglücklich und voll des Dankes darüber, daß dem Hund und dem Mädchen nichts passiert waren, hing an meinen Lippen und nahm jedes Wort von mir begierig auf… und irgendwann im Laufe des Gespräches kam ich darauf, wie wichtig es für mich sei, einen eigenen, besonderen Ort zu haben. Einen Ort an dem ich Kraft schöpfen kann.

Ich erzählte ihm, manchmal sei meine Arbeit sehr anstrengend, sehr entbehrungsreich, aber ‘wenn ich heute abend dort bin’ (ich zeigte ihm das Foto), ‘diesen Baum sehe, die Kraft spüre, die von ihm ausgeht, dann ist alles wieder gut, und ich finde wieder zu mir selbst’.

‘Fahren Sie jeden Tag dort hin?’ wollte Jan wissen. Die ganze Baum-Story fand er äußerst interessant und nachahmenswert.

‘Nicht jeden Tag, aber oft. Heute abend werde ich wieder dort sein. Dieser Baum ist etwas ganz Besonderes für mich…’, antwortete ich.

Wir redeten noch eine Weile weiter, während ich durch Gestik und Mimik immer wieder durchblicken ließ, daß ich allmählich ziemlich geschafft sei… ein Zustand, der bei Jan rege Anteilnahme auslöste.

Als wir uns am Ende der Stunde verabschiedeten, schüttelte er mir die Hand und ich sah wahrhaftige Dankbarkeit in seinen Augen. Und ich war mir absolut sicher, er würde heute an meinen speziellen Ort denken.

Nach meiner letzten Therapiestunde fuhr ich so schnell ich konnte zu jenem Weiher auf der Schwäbischen Alb.

Der Schock traf mich nicht so stark wie befürchtet. Ich hatte ja irgendwo damit gerechnet.

Die Waldarbeiter, die bei meiner Ankunft noch immer damit beschäftigt waren, den riesigen Baum in kleine Stücke zu zersägen und abzutransportieren, klärten mich darüber auf, dass man den Baum leider hatte fällen müssen, da er krank gewesen war und akute Unfallgefahr bestanden hatte.”

5.

 

Eine Weile liefen sie Arm in Arm weiter am Neckar entlang Richtung Innenstadt, ohne daß jemand etwas sagte.

“Aber zwei Treffer von zwei betrachteten Fällen… damit lässt sich statistisch noch keine überzeugende Aussage treffen…”, sagte Maria schließlich.

“Natürlich nicht. Aber wir haben es nicht nur mit zwei Treffern zu tun”, entgegnete Thomas, “es waren die letzten fünf Jahre ausschließlich Treffer… ich hab irgendwann aufgehört zu zählen.”

“Wieso? Was ist denn noch alles passiert?”

“Kannst Du Dir das nicht allmählich vorstellen?”

Maria schüttelte mit dem Kopf.

“Pass auf: Jan ist ganz einfach der mächtigste Mensch der Welt. Was er sich wünscht, das passiert nicht. Nein, es passiert sogar das präzise Gegenteil davon. Ein Wunsch von ihm genügt, um über Leben und Tod zu entscheiden, über Erfolg oder Mißerfolg…”

Maria blieb stehen. Zum zweiten Mal heute abend schaute sie erschrocken zu Thomas hoch.

“…wie zum Beispiel, Erfolg oder Mißerfolg einer neuen, bahnbrechenden, psychotherapeutischen Behandlungsmethodik, über die Du inzwischen an allen namhaften Universitäten dieser Erde referiert hast, die jetzt in Grundkursen unterrichtet wird, und die Deinen Namen trägt…”, flüsterte sie.

Thomas nickte. Endlich hatte sie es kapiert.

“Und nicht nur das… Erfolg oder Mißerfolg im Spiel, in der Liebe, in geschäftlichen Dingen… alles was es braucht, ist, Einfluss auf ihn zu haben, und dafür zu sorgen, daß er sich die falschen Dinge wünscht.

Die postregressive Unifikationstherapie war Schwachsinn, von Anfang an. Ich hatte nie besonders viel Ehrgeiz hineingesteckt, oder auch nur ansatzweise wissenschaftlich gearbeitet… aber es war klar, würde Jan Kunau nur glauben, dass es das Schlimmste auf der ganzen Welt wäre, wenn diese mysteriöse neue Methode ein bahnbrechender Erfolg werden würde… dann würde genau das passieren.

Und es ist passiert. Ich brauchte ihm nur zuerst nebulös und dann immer eindringlicher davon erzählen… und sie mit herzzerreißenden Einzelschicksalen verknüpfen, in die er sich reindenken konnte… Patienten erfinden, die die Anwendung dieser Methode ins Verderben stürzen würde… und schon wurden meine Papiere angenommen, analysiert, angewandt und gefeiert… ”

“Aber irgendwann muss er doch rausgekriegt haben, wie Du Erfolge feierst! Du warst in den Zeitungen zu lesen, Du bist die ganze Zeit unterwegs und hältst Vorträge, Du hast Bücher publiziert, man findet Dich auf tausenden von Webseiten…”, widersprach Maria.

Thomas und Maria waren inzwischen die Stufen zum alten Wehrsteg hinaufgeklettert. Der Vollmond beleuchtete den Neckar und ließ die Silhouetten der Wehrmauern wie bedrohliche, dunkle Gestalten erscheinen, die über den Fluss und diejenigen, die ihn überquerten, Wache hielten.

Auf Marias letzten Widerspruch hin hatte Thomas laut aufgelacht. Sein Lachen wurde von den Mauern auf gespenstische Art und Weise zurückgeworfen.

“Du vergisst, ich bin sein Therapeut! Ich bin sein bester Freund, und ich habe alles daran gesetzt, seine Abhängigkeit von mir immer stärker werden zu lassen, und es ist mir verdammt noch mal richtig gut gelungen!

Die einzigen Momente, in denen Jan glücklich ist, das sind die, in denen ich ihm erzähle, dass nichts schlimmes passiert ist, und dass die Welt in Ordnung ist, dass der Hund noch lebt und das Mädchen glücklich ist. Das ist ihm alles wert, alles auf der Welt.

Wenn ich nicht möchte, dass sich Jan für etwas interessiert, dann interessiert es ihn auch nicht. Wenn ich der Meinung bin, das Internet ist nicht gut für seinen Gesundungsprozeß, dann lässt er die Finger davon. Wenn ich der Meinung bin, andere Menschen und Meinungen sind nicht gut für ihn, dann möchte er auch nichts damit zu tun haben!”

Thomas wurde lauter und lauter, seine Worte hallten über den Neckar wie ein Vortrag auf einer bizarren Propagandaveranstaltung, deren einziger Zuschauer Maria war.

“Er ist mir absolut hörig, ich bin seine Welt, und alles andere zählt für ihn schon lange nicht mehr.

Seine Frau hat ihn inzwischen verlassen, sein Job wurde ihm gekündigt, und ich bezahle seinen Lebensunterhalt und seine Miete, und das nun schon seit Jahren… und weißt Du was? Er möchte den Grund gar nicht erfahren. Er möchte nur mit mir reden, er möchte nur haben, dass ich dafür sorge, dass es ihm gut geht.

Er ist nichts! Eine leere, willenlose Hülle, süchtig danach, dass alles in Ordnung ist, und ich bin der einzige auf dieser Welt, der ihm dies Gefühl geben kann, und dafür gibt er mir seine Macht!!!”

Sie hatten das andere Ende des Wehrstegs erreicht. Maria hatte die Hände vor den Mund genommen, Tränen standen in ihren Augen.

“So benutzt Du ihn…? Diese arme, bemitleidenswerte Gestalt…?” wimmerte sie.

“So und noch viel mehr”, antwortete Thomas und grinste breit.

“Du bist ein Tier… Du bist so ein verdammtes, widerwärtiges Arschloch…” stammelte Maria.

“Vielleicht bin ich das, es kümmert mich schon lange nicht mehr. Mit Idealismus und Bescheidenheit kommt man auf dieser Welt nicht weiter, ebensowenig wie mit Fürsorge und Verständnis… und irgendwann machen sie einen kaputt. Oh, apropos, ich würd Dich jetzt allmählich echt gerne ordentlich durchficken.”

“Und wie kommst Du auf die Idee, dass ich das zulassen werde?” fragte sie, immer leiser werdend.

“Aber das weißt Du doch schon, Maria.

Ich habe Jan natürlich von Dir erzählt. Habe ihm erzählt, wie schlimm es für mich wäre, wenn Du was von mir wollen würdest, weil ich diese Gefühle nicht erwidern könnte. Wie katastrophal es wäre, wenn Du von mir körperlich so angezogen wärst, dass Du gar nicht anders kannst, als mit mir in die Kiste zu wollen. Weil ich ja so ein moralischer Mensch bin, und weil ich Dich niemals ausnutzen könnte.

Und Du kannst sicher sein, Jan wünscht sich von Herzen, dass wir nicht miteinander im Bett landen.

Also… ungefähr dreihundert Meter von hier ist das Marriott, ich hab uns eine Suite reserviert. Wie schaut’s aus, bist Du dabei?”

Maria wischte sich die Tränen ab und nickte. “Lass uns einen Schritt zulegen”, sagte sie, “ich bin so geil auf Dich, ich kann es kaum erwarten.”

6.

 

In einer Neubausiedlung in Stuttgart hatte es inzwischen zu regnen begonnen. Im letzten Stockwerk eines Hauses, das so aussah, wie alle anderen Häuser auch, saß der mächtigste Mann der Welt auf einem Stuhl am Fenster und beobachtete den Verkehr auf der Hauptstraße.

Während Thomas und Maria im weit entfernten Heidelberg laut schreiend und stöhnend wieder und wieder übereinander her fielen und dabei die gesamte Etage wach hielten, starrte Jan Kunau in aller Stille auf die durch die Regentropfen am Fenster verzerrten und verschwommenen Lichter der Autos.

Er dachte an Maria, die er noch nie zu Gesicht bekommen hatte, und wie sehr er sich wünschte, daß sie sich nicht auf Thomas einließ, der ihre Gefühle doch gar nicht erwidern konnte.

Er hoffte, daß Thomas bald zurück kommen würde, um mit ihm zu reden, dafür zu sorgen, dass es ihm wieder gut ging.

Dann dachte er, wie so oft, an das Mädchen im Sommer vor fünf Jahren, an die Eiskugeln, auf die es sich so sehr gefreut hatte.

Er schloss die Augen, und Tränen des Glücks und der Dankbarkeit rannen seine Wangen hinab, als er sich an Thomas’ Worte erinnerte und wusste, dass sie ihr Eis irgendwann sicherlich bekommen hatte und ein glückliches und erfülltes Leben voller Freude und Lachen vor ihr lag.

Bonn / Kassel, 2009

One Reply to “Macht”

  1. Wow, was für eine Geschichte. Das wird ne ganze Weile dauern, bis sich die Haare in meinem Nacken wieder legen. Danke dafür :)

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