Ich habe gesündigt

…und ich habe das Bedürfnis, zu beichten.

Nein, wirklich.


Ich muss zugeben, ich kann mit christlicher Religion nicht allzu viel anfangen. Und mit Katholizismus schon gar nicht. Allein diese Idee, dass jemand gestorben ist um meine “Sünden” auf sich zu nehmen, und dass ich deshalb in dessen Schuld stehe, ist… nun ja, das ist ein Thema für ein anderes Posting.

Trotzdem möchte ich gerne beichten, denn das Jahr geht zu Ende und mir ist so einiges klar geworden.

Zunächst mal: Es war ein wahrlich beschissenes Jahr.

Mein Vater war schwer krank. Im Beruf erlebte ich ein paar menschliche Enttäuschungen, die ich nicht für möglich gehalten hätte, und über die ich hier leider (bzw. glücklicherweise) nicht schreiben darf. Meine eigene Gesundheit schwankte zwischen nicht vorhanden und äußerst labil. Und Botany Bay, meine Band, hatte mit ihrer neuen Veröffentlichung den gleichen Erfolg wie immer. Und mir isses jetzt ehrlich gesagt völlig scheißegal ob ihr’s nicht mehr hören könnt oder doch: Botany Bay hätte mal wieder unendlich viel mehr verdient gehabt.

Auch ganz ehrlich: Hätte ich Frau K. nicht gehabt, dann wäre ich wohl zu irgendeinem Punkt komplett durchgedreht.

Womit wir bei der Sache angekommen wären, die ich beichten möchte.

Denn ich drehte nicht durch, sondern ich tat das ganze Jahr über in stumpfer Verzweiflung, was ich auch die Jahre zuvor schon getan hatte, ohne es richtig deutlich zu merken:

Ich versuchte, zu gefallen.

Wenn hier auf dem Blog die Zugriffszahlen drastisch zurückgingen, weil ich Bilder veröffentlichte, mit denen niemand was anfangen konnte, dann postete ich einfach mal wieder eine junge, nackte Frau oder eine knallig bearbeitete Landschaft, und schon lief die Sache wieder.

Und irgendwie hab’ ich das Gleiche mit der Musik schon jahrelang vorher getan: Nachdem “Grounded” vollkommen untergegangen war, gestalteten wir die Musik kommerzieller. “Nee, an der Stelle jetzt kein Solo, das macht die Leute durcheinander”; “Nee, das Intro nicht länger als 10 Sekunden, sonst zappen die Leute weiter”; “Nee, hier die Dissonanz, das kapieren die Leute nicht”; “nee, das muss schneller sein, die Leute stehen auf schnelle Sachen”… sprich, wir versuchten, zu gefallen.

Relativ spät im Jahr passierten dann zwei Dinge, die mich sehr nachdenklich stimmten:

Vor ein paar Monaten startete ich auf diesem Blog einen Spendenaufruf (inzwischen wieder gelöscht). Der Sinn war ganz einfach. Herauszufinden, ob Menschen, die sich an meiner Kunst erfreuen, vielleicht evtl. bereit wären, mich mit einem Betrag ihrer Wahl zu unterstützen. Weil meine Kunst (die Musik und die Bilder) nunmal das ist, was mich eigentlich ausmacht. Und weil ich mir dachte, wenn die Leute im Internet schon für wesentlich weniger Gegenwert die ganz großen Spendierhosen anziehen, dann ist vielleicht auch ein klein bisschen was für mich drin, immerhin gebe ich den Menschen ja sogar jede Menge zurück, mit meinen Fotos und meinen Liedern und meinem Geschreibsel.

Nun ja.

Also: Ich bekam 20 Euro.

Aber hauptsächlich bekam ich (sinngemäß) zu hören: “Hm? Was? Nee, ich geb’ doch dafür kein Geld aus!” und dass das alles etwas “theatralisch” sei und ich’s nicht übertreiben solle.

Aber es wurde noch viel besser.

Nachdem ich mich in diesem Beitrag mal wieder sehr deutlich über das Problem von Selbstverwirklichung vs. Anforderungen des Lebens auseinandergesetzt hatte, da wurde mir per Mail von einem (inzwischen Ex-) Facebook-“Freund” nahegelegt, dass ich endlich mal mit dem Selbstmitleid aufhören soll, und dass ich auf keinen Fall ein verkannter Künstler oder Querdenker sei, denn:

Van Gogh und Galileo seien das gewesen, weil sie sich “gegen irgendeine Macht aufgelehnt” und “auf ihrer Meinung beharrt” haben… ich aber nicht, weil ich einen bequemen Job habe und im Gegensatz zu obigen Herrschaften nie “nur für meine Kunst gelebt” hätte. Ich benötige einfach mal einen “Reality-Check“.

Und weil er gerade so schön in Fahrt war, ferndiagnostizierte mir der gleiche Oberspezialist auch gleich noch eine “Depression” und riet mir – natürlich! – zur Therapie.

(Ehrlich! Ich saug’ mir das nicht aus den Fingern!)

Ganz davon abgesehen, dass ich lange Jahre “nur für die Kunst gelebt” und mich damit bis an das absolute Existenzminimum gebracht habe (die offizielle Botany Bay-Biographie gibt da ne ganz kleine Ahnung von…), und dass ich’s mir mehr als nur einmal mit wirklich allen Leuten um mich rum verscherzt habe, um eine Produktion so zu gestalten, wie ich es wollte… ich denke, ich brauchte diese Kommentare, um mir meiner Sünde, oder besser gesagt, meines gigantischen Fehlers bewusst zu werden.

Ich wollte gefallen.

Ich habe Werbung gemacht, ich habe die Musik kommerzieller und kommerzieller gestaltet, ich habe hier genau das an Content gepostet, was die Leute sehen wollen. Aber warum eigentlich?

Damit mir irgendjemand schreibt, “nee, für Deine Fotos geb’ ich doch kein Geld aus” und “sei mal nicht so theatratlisch”?

Damit noch weniger Leute meine Musik hören (von “No Excuse” wurden übrigens 38 CDs verkauft) und wir einen Verriss in einem drittklassigen Gothic-Fanzine bekommen?

Damit ich eine Belehrung darüber bekomme, wie man nach Bildzeitungs-Maßstäben korrekt einen verkannten Künstler definiert?

Sorry, Leute, das geht jetzt nicht gegen euch, das geht hauptsächlich gegen mich…: Wie bescheuert bin ich eigentlich? Dafür reibe ich mich auf? Um ausgerechnet euch zu gefallen? Lolwut?! Wenn ich all die Zeit und Energie auch dazu aufwenden könnte, einfach nur das zu tun, was ich eigentlich tun will?

Und genau das war die letzten Jahre über der riesige Fehler, den ich immer wieder begangen habe. Ich wollte unbedingt gefallen.

Ab jetzt nicht mehr.

Der Anfang ist schon getan. Mit der “Nadja“-Geschichte. Schon nachdem ich dem zweiten Teil gepostet hatte, brachen die Zugriffszahlen auf diesem Blog ein wie der DAX nach einer abfälligen Äußerung von Moody’s .

Hatte ich vorher 200-300 Zugriffe pro Tag, so waren es plötzlich nur noch hundert… fünfzig… zwanzig…

Klar, die Leute wollen keine Geschichten lesen. Sie wollen schöne bunte Bilder sehen. Wenn möglich mit Titten drauf.

Vor ein paar Wochen hätte ich noch gesagt, “au weia, schnell wieder was posten, was die Leute auch mögen… und nicht eine Kurzgeschichte, die nur drei Leute lesen…”

Wie gesagt, hätte.

2012 wird anders.

22 Comments

  1. “gefallen wollen” ist eine fiese Sucht. Oft kommt es vor, dass man hinterher nicht mehr weiss wer man ist und warum.

    Lass bloss die Finger davon. Mach Dein Ding!

    1. Danke Dir.
      Ja, das Witzige ist… es ist mir eigentlich gar nicht klar gewesen, dass ich mich verkaufe. Aber das fängt ja im Kleinen schon an… und gerade in der Musik hat es Ausmaße angenommen… nee, nee… ;)

  2. Da bin ich mal gespannt auf 2012 und auf ein baldiges Wiedertreffen!

    Für mich wird 2012 wohl ein Jahr des Zuendebringens. Mit allem Angefangenen mal abschließen. Frei(er) sein für Neues.

    1. Zuendebringen klingt auf jeden Fall verheißungsvoll. Freier sein für Neues noch mehr so.

      Baldiges Wiedertreffen, ganz unbedingt!!

  3. Hm, also das mit den Fotos verstehe ich nicht so ganz. Wieso kannst Du es denn nicht verstehen, dass die meisten Leute generell nicht bereit sind für (künstelerische) Fotos Geld auszugeben? Klar, ein paar Abzüge zum an-die-Wand-hängen, den ein oder anderen Fotoband – aber so einfach zum angucken oder digital nutzen? Mir ist das dazu auch nicht wichtig genug – jetzt mal im Gegensatz zu Literatur oder Musik, wo das was anderes wäre.

    Ansonsten, dein Vorhaben, beim künstlerischen Output weniger drauf zu achten “was die Leute wollen” find ich auch gut!

    1. Nein, ich hab nicht gesagt, dass ich das nicht verstehen kann. Klar kann ich das verstehen.

      Ich werde nur nicht mehr versuchen, mich für diese Leute zu verbiegen und zu schauen, dass ich sie zufrieden und bei Laune halte. Ich kriege nix von denen, warum sollten sie was von mir kriegen, was ich nicht eh von mir aus zu geben bereit wäre? Ist doch Käse ;-) Ich bin was ich bin, und das hab ich ein bisschen zu lange vernachlässigt.

  4. sei einfach du, mach “dein ding”, du bist ein grossartiger mensch!!!
    ich muss zugeben, auch ich war rar hier die letzte zeit, das lag aber einfach nur an der mangelnden zeit. manchmal ist das so und soll auch gar keine entschuldigung sein.
    ich bin unglaublich glücklich, euch kennengelernt zu haben und denke sehr oft an euch!
    bleib du selbst, du bist wunderbar!

    1. Danke Dir vielmals, Andrea. Ich glaube ich spreche für uns beide (Frau K. und mich) wenn ich sage, dass wir auch sehr glücklich sind, Dich kennengelernt zu haben.

      Wäre gaaaanz toll, wenn wir uns 2012 wiedersehen :))

  5. Wtf? Verkannt sind also nur die, die sich auflehnen und auf ihrer Meinung beharren??!! Wer gibt denn allen Ernstes so etwas von sich?

  6. “2012 wird anders.”

    Ich freu mich drauf.

    Und wenn ich selber nicht nur 27,58 € auf dem Konto hätte (Studentin), würde ich dir auch was spenden, denn du hast es wirklich verdient :-)

    1. Danke Dir vielmals!!! :))

      Bin mir nicht sicher, ob das in dem Posting richtig rübergekommen ist: Geld ist überhaupt nicht nötig.

      Aber diese “ich zahl doch nix für Deinen Scheiss, schau Dir mal <hier bitte einen beliebigen irgendwann von der Bildzeitung erwähnten, verkannten Künstler einsetzen> an, der hatte es wirklich schwer… und überhaupt, lass Dich mal therapieren”-Attitüde ist genau so wenig nötig… und noch viel unnötiger ist es, wenn ich auch nur das kleinste Fitzelchen Zeit darauf verschwende, es solchen Leuten recht machen zu wollen… ;)

      1. Nein, nein, das ist schon richtig rübergekommen. Ich wollte damit auch nur sagen, dass ich sehr schätze, was du so “produzierst”.
        Und es ist wirklich unnötig sich über solche Leute aufzuregen, die du vielleicht nicht einmal (richtig) kennst. Was schert es dich, was andere denken, so lange du Spaß an dem hast, was du tust. Selbstverständlich will ein Künstler, dass andere seine Kunst wahrnehmen. Aber Kunst ist immer auch Geschmacksache. Wer es nicht mag, soll es sich nicht anschauen. Diejenigen, die es sich gerne anschauen, genießen sie vielleicht im Stillen (so wie ich sonst).
        Gib nichts auf die Kommentare von Leuten, die dich und das was du tust nicht verstehen. Du kannst es nicht allen Recht machen und das ist auch nicht nötig, solange du dir gefällst.
        Wiederhole ich mich schon … Naja, ich denke, du weißt was ich sagen will: Tu, worauf DU Bock hast!

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  8. Ich finde es seltsam, daSS sich deine hier sogenannten harschen/harten Kritiker mit einem oder zwei Initialien verewigen und versuchen ein Rätsel auf zu geben, wer denn so maßlos enttäuscht sein kann von dir…

    Sie bringen beleidigende Worte in primitiven Bild-Schlagzeilen oder mit zwei Zeilen mehr, dir Hilfs-Psychologische Diagnosen á la Stern oder Spiegel an die Pinwand kacken. Puh!!

    Okay, du hast deren Email Adresse, wenn sie wenigsten Mumm hatten damit nicht zu faken.

    Gruß
    Gregor

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