Des Kaisers neue Ausflugsgastronomie

Des Kaisers neue Ausflugsgastronomie

Heute kam mir der Gedanke, dass man zwei Nationen bei einer Wanderung durch ihre Wälder perfekt voneinander unterscheiden kann – selbst wenn man Gebiete von nahezu übereinstimmender geologischer Beschaffenheit zum Vergleich heranzieht.

Wenn man stundenlang allein durch den Wald läuft, dabei unzählige Berge hinauf- und dann wieder hinabsteigt, irgendwann bei einer imposanten Burgruine ankommt, dort die Überreste einiger Lagerfeuer vorfindet und alle halbe Stunde mal ein Wanderer vorbeikommt, dann ist es beispielsweise durchaus möglich, dass man sich in den Nordvogesen befindet.

Wenn man hingegen durch eine nahezu identische Landschaft läuft und unterwegs alle fünf Minuten von Horden johlender und brüllender Mountainbiker in den Graben gescheucht wird, später dann einhundertdreiundachtzig Touristen mit iPhones und Kompaktdigiknipsen überholt,  zwischendurch jede Menge Verbotsschilder und Absperrungen passiert und schließlich an einem groß angelegten Touristenzentrum mit Aussichtsplattform und Ausflugsgastronomie vorbeikommt, hinter denen mit viel Mühe und nach Lösen einer Eintrittskarte eine Burgruine zu entdecken ist, dann stehen die Chancen recht gut, dass man irgendwo im Siebengebirge gelandet ist.

Nun ja, Deutschland ist eben sehr viel dichter besiedelt als Frankreich, und die Gemeinden im Siebengebirge haben den wirtschaftlichen Wert einer gesunden Tourismus-Industrie frühzeitig erkannt. So ist nun mal das Leben, und ich möchte hier auch nicht falsch verstanden werden: Ich habe nichts gegen das Siebengebirge, ich liebe es, und ich wohne hier sehr gerne, auch wenn jeden Tag eine Reisebusladung Wanderer am Haus vorbei zieht.

Die stören mich nicht.

Etwas anderes stört mich.

Kennen Sie dieses Phänomen, wenn irgendwo vollständig und bis zum Anschlag ins Klo gegriffen wird – und allen, die es mitkriegen, ist vollkommen klar, dass hier etwas ganz enorm verkehrt läuft – nur den unmittelbar Beteiligten nicht?

Solch eine Geschichte spielt sich momentan unterhalb des Drachenfels ab.

In den 70er Jahren wurde dort im Stil des Brutalismus ein Restaurant mit Aussichtsterrassen erbaut. Diese Monstrosität erschien schon damals vielen Menschen als das, was sie auch war: Eine klaffende Narbe inmitten urtümlicher und Geschichte erzählender Natur. Etwas, was dort niemals hätte hingebaut werden dürfen – und so mancher Anwohner und Besucher griff sich beim Anblick dieser Grausamkeit aus Beton immer mal wieder spontan an den Kopf. Von “Schandfleck” war oft die Rede, und bei den Bad Honnefern hieß das Gebäude schon bald nur noch “der Betonbunker”.

(Foto von Jean & Nathalie, CC-BY)

 

 

(Fotos von Claus Moser, CC BY-NC-SA)

Im Jahre 2007 wurde der Betonbunker mit nicht geringem finanziellen Aufwand umfassend modernisiert. Natürlich machte ihn das nicht schöner, und es war auch ganz und gar unnötig, denn 2011 wurde das Teil endlich abgerissen.

Man könnte sich an dieser Stelle natürlich fragen, warum dann vorher noch einmal ohne Ende Kohle in die Gaststätte versenkt werden musste, wer etwas davon hatte, und ob hier wirklich alles mit rechten Dingen zuging. Aber egal. Es bleibt festzuhalten: Das Ding war weg, und ein Auftamen ging durch Königswinter, Bonn und Rhöndorf – endlich, nach dreißig Jahren, war der Spuk vorbei.

Ende gut, alles gut, möchte man sagen.

Fig. 1: Geht eigentlich.

Doch das wäre leider ebenso verfrüht wie unwahr.

Denn natürlich wiederholt sich Geschichte, und niemand lernt etwas daraus.

Der Brutalismus war Ende der sechziger Jahre aus der Mode gekommen. Als also unser Freund, der Betonbunker, unter den Drachenfels gepappt wurde, da war mit diesem Architekturstil schon seit langer Zeit mehr kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Schon gar nicht bei den Anwohnern, die ihn ertragen mussten.

Heute, im Jahre 2012, ist es die Glasarchitektur, die langsam aber sicher als Modeerscheinung verblasst. Außerdem ist sie ein Stil, den man gemeinhin mit Büro- und Verwaltungsgebäuden in Zusammenhang bringt – ganz sicher aber nicht mit der Landschaft, in der das Nibelungenlied spielt.

Was läge da näher, als die grandiose Idee, einen Glaskasten als neue Ausflugsgastronomie unter den Drachenfels zu platzieren?

Fig. 2: …hey, Moment, wtf?!

Schon die Baustelle sieht schrecklich aus, und ich habe berechtigten Grund zur Annahme, dass das fertige Produkt diesem Eindruck in nichts nachstehen wird. Man möchte den Verantwortlichen am liebsten zurufen: “He, Leute, das ist verdammt noch mal der Drachenfels! Da gehört ganz genau gar nichts hin, merkt ihr das denn nicht?”

Ungelogen: Jeder, der mich in meiner neuen Wohnung besuchen kommt – und zwar wirklich jeder – schaut da hoch und sagt spontan irgendetwas in der Richtung von “ach Du Scheiße, was machen die denn da?”

Es ist mir klar, dass das wirtschaftliche Potential dieses Ortes ausgenutzt werden möchte, und da wird man auch – traurig, aber wahr – nicht daran vorbeikommen (zumindest nicht, bis es die nächste große Revolution gibt). Aber man könnte dies auch tun, ohne das Landschaftsbild zu vergewaltigen. Es gibt um den Drachenfels herum genug Ecken, wo man Gebäude zum Touristen-Ausnehmen hinstellen könnte… mittendrauf wäre nun echt nicht nötig gewesen.

Nun ja, in 30 Jahren wird das Teil vermutlich als Schritt in die falsche Richtung erkannt und abgerissen werden. Und falls ich das noch erlebe bin ich echt gespannt, ob die Verantwortlichen es dann endlich einsehen, dass man bestimmte Dinge einfach so lassen sollte, wie sie sein möchten.

3 thoughts on “Des Kaisers neue Ausflugsgastronomie

  1. Oliver Manthey

    Als ich im Jahre 2008, als Neubonner sozusagen, zum ersten mal dort war, habe ich mich gefragt, welche Drogen muss man für einen Realitatsfilter genommen haben, der jemanden die Entscheidung treffen lässt, solche Abscheulichkeiten in die großartige Landschaft zu klotzen … und jetzt muss ich feststellen, dass diese Drogen tatsächlich noch immer in Mode sind … schade :-(

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  2. Pingback: Im Siebengebirge haben sie nicht alle Tassen im Schrank | massenbelichtungswaffen.de

  3. David Ouerghi

    Ich komme aus Köln und gehe oft wandern im Siebengebierge um dem City- -beton zu entkommen-aber auf dem Drachenfels komm ich mir langsam vor als wäre ich am Kölner-hbf ….
    ich werde nächste woche wieder ne Tour machen aber weit am Dachenfels vorbei :-D , da hin wo man noch entspannen kann.

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