Alte Jagdgründe

Es ist schon ein seltsam einsames Gefühl.

Jetzt, nachdem meine Eltern beide tot sind, die alten Jagdgründe wieder zu besuchen, allein, ohne Begleitung von Frau K.

Die Plätze meiner Jugend. Plätze an denen man mit Freunden war, die inzwischen alle ebenfalls weit weg gezogen sind. Plätze, von denen es klar war, man würde immer hier sein. Man würde immer hier am Ufer sitzen und picknicken. Man würde immer weiter hinten im Baggersee schwimmen. Man würde immer hier Musik machen…

Die Menschen hier zu sehen, mir unbekannte Menschen, die Gesichter. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Einzelne und Paare, jeder für sich eine Geschichte. Jeder für sich ein Teil einer Geschichte davon was hätte sein können.

Was hätte sein können, wenn ich hier geblieben wäre.
Was hätte sein können, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte.
Was hätte sein können, wenn meine Eltern andere Entscheidungen getroffen hätte.

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Ich beklage mich nicht. Ich habe grösstenteils ein sehr schönes Leben, ich trauere dem hier nicht hinterher.

Und trotzdem fühlt es sich eben seltsam und einsam an, dieses andere Leben, das hätte sein können, verbunden mit dem Leben meiner Eltern, das sie sich so anders vorgestellt hatten und das so traurig enden musste.

Wird Zeit, dass ich wieder nach Hause komme. Nur noch heute, und morgen ziehen dann sechs neue Schildkrötenmitbewohner auf der K-Burg ein. Ich freue mich darauf.

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The Colour Of Spring

Einen mittel- bis überhaupt nicht so wahnsinnig prächtigen Tag an der Arbeit gehabt, mehr als einmal die gute alte Sinnfrage gestellt, die Sekunden bis zum Wochenende ausgerechnet… und dann kommt man heim, steht auf der Terrasse und sieht: Genau das da oben.

Und denkt sich: Im Prinzip ist das Leben doch ziemlich prima.

Jetzt nur mal schauen ob ich morgen davon was mitnehmen kann.

Ein neuer Anfang

 

Über zwei Monate ist es jetzt her, dass  Tias Gedenkseite online ging, und seitdem habe ich hier auch nichts mehr veröffentlicht.

Tia in ihrem Element...
Tia in ihrem Element…

 

...und zum Ende hin...
…und zum Ende hin.

In der Zwischenzeit ist viel passiert.

Wir haben lange und intensiv um Tia getrauert; unternahmen schließlich den Versuch, Continue reading “Ein neuer Anfang”

Midlife Crisis?

Weil es ausnahmsweise ganz kurz nicht regnete, beschlossen Frau K. und ich gestern spontan, uns auf Location-Scouting-Tour zu machen.

Ausgestattet mit Regenjacken, dicken Fleecepullovern und festem Schuhwerk (wie es sich für den 30. Mai gehört!) begaben wir uns also ins Schmelztal, um die alte Großwäscherei Messenholl näher in Augenschein zu nehmen.

Tja, und was soll ich sagen?

 

Es ist schon seltsam, früher™ hab ich mich auf solche sogenannten “lost places” gestürzt als gäbe es kein Morgen, aber inzwischen lassen sie mich erstaunlich kalt. Ja, das Ding ist ein großes Gebäude, es gibt jede Menge schön runtergekommene Treppenaufgänge und Installationen und große zerbrochene Fenster. Und eine gar nicht so schöne Menge Vandalismus und schlecht gemachte Graffitis. Und es war ne schöne Möglichkeit, mich mal davon zu überzeugen, dass die OM-D auch bei ISO 4000 keinerlei Probleme hat, und sich somit ein immer wieder gern gehörtes Argument gegen m43 (“aber die rauscht viel mehr als ne Phollphormat”) in Wohlgefallen auflöst.

Aber die Faszination, die beispielsweise die Bahnstadt in Heidelberg auf mich hatte, oder die verlassene Pumpstation mitten im Wald bei Remagen, die will sich hier nicht einstellen, und ich finde auch den Gedanken, einen solchen Platz als Kulisse für ein Portrait- oder Aktshooting zu nehmen (was ja anscheinend irrsinnig beliebt ist), mehr oder weniger müßig. Hm ja. Kann es sein, dass ich einfach zu alt für sowas bin? Oder einfach uninspiriert? Keine Ahnung.

Auf jeden Fall fand ich den kleinen Fluss hinter der Wäscherei (der sich dank des tollen Sommerwetters in einen reißenden Strom verwandelt hatte) ein tausendmal lohnenderes Motiv.

Die Brücke

 

Als ich noch ein kleines Kind war, ging mein Großvater oft mit mir im Weiherwald spazieren. Der Weiherwald war (und ist noch immer) ein mittelgroßes von Seen und Flüssen durchzogenes Waldstück im Karlsruher Stadtteil Weiherfeld, und war von unserem alten Hexenhäuschen aus bequem zu Fuß zu erreichen.

Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als wir eines schönen Sommertags wieder einmal einen unserer Spaziergänge machten und dabei bemerkten, dass die alte, morsche und gefährliche Holzbrücke durch eine funkelnagelneue, dunkelbraun lackierte Holzbrücke ersetzt worden war.

“Schau mal, sie haben die Brücke neu gemacht”, sagte mein Großvater, “komm, das schauen wir uns an!”

Gesagt, getan, zusammen bestaunten wir die neue Brücke und machten langsam uns an den Überweg. Ich sehe ihn noch genau vor mir, als ob es nicht vor 35 Jahren sondern gestern gewesen wäre – meinen Großvater mit seinem braunen Lederhut mit der breiten Krempe und seinem Spazierstock.

Plötzlich hielt er unvermittelt inne. “So eine Sauerei”, entfuhr es ihm, während er auf das breite und wuchtige hölzerne Geländer der Brücke starrte. Dort hatte irgend jemand offensichtlich nicht mehr als wenige Tage zuvor (länger gab es die Brücke noch nicht) ein Hakenkreuz eingeritzt.

Der Grund, dass ich diese Geschichte jetzt aufschreibe, ist, dass ich mich wohl ewig ganz genau daran erinnern werde, was als nächstes passierte. Denn mein Großvater, sonst nicht der übermäßig aktive Mensch, nahm seinen Spazierstock und begann, mit der metallischen Spitze das Hakenkreuz in ein Rechteck mit einem Kreuz darin zu verwandeln.

“Was machst Du denn?” wollte ich wissen.

“Ich mache das Hakenkreuz kaputt”, antwortete mein Großvater.

“Aber warum denn?”

“Das ist ein ganz böses Zeichen. Ein widerliches und gemeines Zeichen”, sagte er, während er mit frenetischem Eifer die Brücke bearbeitete.

“Warum ist das Zeichen böse?” fragte ich.

“Das war das Zeichen der Nazis”, erklärte mein Großvater. “Die Nazis waren ein ganz großer Haufen Schwerverbrecher. Die haben Millionen von Menschen getötet und vertrieben… und einen Krieg veranstaltet in dem noch viel mehr umgekommen sind… und ich beinahe auch…”

“Aber warum hat sie niemand aufgehalten? Warum hat niemand die Polizei gerufen?”

Mein Großvater drehte sich zu mir um und schaute mich ernst an, die Hand noch immer am Spazierstock, mit dem er die Brücke bearbeitete. Schweißperlen rannen an seiner Stirn herunter, und ich werde diesen Blick ebenso wie seine Antwort und alles andere nicht vergessen.

“Die waren die Polizei.”

Ich muss wohl einigermaßen entsetzt geschaut haben, denn mein Großvater fuhr sogleich fort: “Aber das ist lange her. Beinahe vierzig Jahre. Inzwischen ist alles anders.”

“Aber wenn das so lange her ist, warum hat dann jetzt jemand das Zeichen in die Brücke gemacht?” fragte ich.

“Der, der das gemacht hat, ist ganz einfach ein ganz großer Idiot”, sagte mein Großvater, “mehr nicht. Der war nicht dabei, hat es nicht mitgekriegt, hat in der Schule nicht aufgepasst und hat keine Ahnung was das Hakenkreuz wirklich bedeutet.”

Und damit nahm er seinen Spazierstock in die rechte und mich an die linke Hand, und wir setzten unseren Spaziergang fort.

Erst später erfuhr ich, dass mein Großvater zwei Weltkriege miterlebt hatte. Dass er im zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft geraten war, aus der er 1948 mehr tot als lebendig zurückgekehrt war. Dass er Mitglied in der KPD gewesen war und deshalb an der Front verheizt wurde, dass er später Entschädigung beantragt hatte die ihm nicht bewilligt wurde, weil die KPD in Deutschland inzwischen verboten war. Und so weiter und so fort.

Und natürlich erfuhr ich später auch mehr über die Nazis – von meinem Großvater, im Geschichtsunterricht, in Büchern, in Filmen und an Gedenkstätten.

Tja, und heute bin ich nach langer Zeit wieder einmal an der Brücke vorbeigekommen. Inzwischen gibt es die Holzbrücke nicht mehr, und sie wurde durch ein Bauwerk aus Beton und blau lackiertem Stahl ersetzt, auf dem sich glücklicherweise keine Hakenkreuze befinden. Und irgendwie musste ich beim Überqueren der Brücke – und nachdem “Freiwild” (nee, ich weigere mich, den Bandnamen so zu schreiben wie die Band das gerne hätte) gerade die Teilnahme am “with full force” Festival abgesagt hat und die Band auf ihrer Facebook-Seite das missverstandene Opfer gibt und dafür von hunderten Fans bejubelt wird – daran denken, dass Faschismus keine Meinung ist, sondern ein Verbrechen… und an den Mann, der mir das zum ersten Mal klar machte.

Danke, Großvater.

Calmuth revisited

Wen interessiert es, wenn sich steinreiche Leute gegenseitig Schlösser und Burgen abkaufen?

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Treten Sie ein, es gibt brennend interessante Dinge zu sehen!

Anscheinend jede Menge Leute, anders lässt sich die Flut der Zugriffe auf dieses Blog via Google-Suche nach “Jagdschloss Calmuth” nicht erklären.

Erschreckenderweise sind das mehr Zugriffe als bisher das ganze Jahr… und das alles nur, weil gestern die Zeitung mit den großen Buchstaben und den leicht bekleideten Frauen auf Seite drei darüber berichtet hat, dass ein steinreicher Unternehmer einem steinreichen Showmaster eine Menge Geld gegeben hat.

Stairway to Calmuth
Stairway to Calmuth

Im Prinzip haben sich die Zeiten eben seit unserem alten Kaiser Wilhelm (der mit dem Bart!) nicht mehr groß geändert, und das gemeine Volk hat eben ein lebhaftes Interesse daran, was die oberen 100 wohl so treiben, wenn er nicht gerade mittels gleichermaßen Wahrnehmen und Nicht-Wahrnehmen seiner Bürgerpflicht dafür sorgt, dass sich niemals irgendwo etwas ändert.

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Und da massenbelichtungswaffen.de schon immer gerne darauf gehört hat* was sich das Publikum wünscht, präsentieren wir hiermit stolz* eine exklusive* Sonderausgabe unseres beliebten WebZines*, rund um unsere historische Fototour durch das Calmuth-Tal vor drei Jahren. Wenn schon alle nach Calmuth suchen, bitte schön, geben wir ihnen Calmuth:

IFU don’t live here anymore…

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, Sie, den lieben Leser, darauf hinzuweisen, dass Sie auch im weiteren Verlauf dieses Artikels keine exklusiven Fotos von Gottschalks Burg und seines Schlafzimmers zu sehen bekommen werden.

Und auch nicht von Asbeck wie er gerade auf die Jagd geht und seine Ländereien überblickt. Sollte das also Ihre Motivation gewesen sein, so möchte ich Ihnen vorschlagen, ganz schnell woanders hin zu gehen.

stop and smell the flowers
stop and smell the flowers

Aber eine nette Anekdote möchte ich an dieser Stelle trotzdem gerne los werden. Wir erfuhren sie auf unseren Reisen durch Unkelbach und die umliegenden Wälder von den dort Einheimischen.

Als Frank Asbeck das Calmuth-Areal vor ein paar Jahren erwarb, war es eine seiner ersten Amtshandlungen, einen schönen, großen, grünen Zaun um das gesamte Gelände herum aufzustellen – und damit die umliegenden Dörfer vom alten Steinbruch, den drei zugehörigen Seen und aus den Wäldern auszusperren, welche Besucher aus nah und fern bis dahin sehr gerne zum Spazierengehen, Baden, Picknicken und Gute-Zeiten-Haben genutzt hatten.

Wir müssen leider draussen bleiben...
Wir müssen leider draussen bleiben…
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…und zwar mal so richtig!!

Man kann sich nun vorstellen, dass diese Aktion bei den Ureinwohnern nicht auf ausgesprochene Gegenliebe stieß. Zwar war das Baden in den Seen (natürlich) verboten, aber das änderte nichts daran, dass es jeder gerne tat; an heißen Sommertagen glich der ehemalige Verladeplatz des ehemaligen Steinbruchs eher dem Parkplatz eines Einkaufszentrums zu Stoßzeiten als einem Gebiet, in dem alles strengstens verboten ist.

Sehr wenig Gegenliebe.
Sehr wenig Gegenliebe.

Und so lieferten sich die Ansässigen und der neue Lehnsherr ein paar Monate lang ein ganz wunderbares Katz-und-Maus-Spiel. Mit Demontieren des Zaunes, Wieder-Montieren des Zaunes, Löcher-in-den-Zaun-Schneiden, Zaun-Erneuern, und so weiter und so fort. Bis irgendeine öffentliche Stelle entschied, dass es überhaupt keine Baugenehmigung für diesen Zaun gibt, oder so ähnlich. Seitdem steht der Bau des Zaunes still, und teilweise ist er auch schon wieder abgetragen, und zumindest letzten Sommer planschten die Hundertschaften in den Seen wie eh und je.

Bis irgendjemandem was Neues einfällt.

Ihr nimmermüdes und hippes Zeitgeist-WebZine massenbelichtungswaffen.de wird auf jeden Fall am Ball bleiben.

in the valley I walk
in the valley I walk

Dieser Artikel ist Björn D. gewidmet, mit dem zusammen ich damals das Tal entdeckt habe.

Auf Dich, Björn, wo auch immer Du gerade bist. Und all der wirklich dumme und unnötige Scheiß, der zwischen uns passiert ist, ist vergeben und vergessen.