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Es gibt Hoffnung

Es gibt Hoffnung

Vor ein knapp einem Monat berichtete ich unter dem Titel “Ich bin stinksauer” über das Buchprojekt, an dem mein Vater bis zum Schluss gearbeitet hatte, und von dem der Verlag beschlossen hatte, es nicht zu veröffentlichen.

Was danach passierte war, dass ich mir erst mal den ganzen Schriftverkehr und den Vertrag anschaute und dann, nachdem ich mich wieder einigermaßen abgeregt hatte (was dieses Mal ziemlich lang ging), dem Verlag einen ausführlichen Brief zukommen ließ, in dem ich lange und in die Tiefe gehend über das Leben meines Vaters und seinen verzweifelten Kampf um Anerkennung und Unterstützung berichtete, und darüber, wie erbarmungslos das Leben ihm mitgespielt hatte.

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Ich schloss mit der Feststellung, dass ich der Verlagsleitung zugute halten muss, dass sie weder die Situation noch meinen Vater persönlich kannte, und dass ich vor dem dargestellten Hintergrund darum bitte, die Entscheidung noch mal zu überdenken und das Projekt wieder zu starten; ansonsten würde ich halt dafür sorgen, dass es woanders veröffentlicht wird.

Am Samstag erreichte mich Post vom G. Braun Verlag, mit u.a. folgendem Inhalt:

Sehr geehrter Herr Kleinert,

Ihr Brief vom 4.7.2013 hat uns sehr bewegt. Wir möchten unsere Entscheidung, den Verlagsvertrag für das Werk Ihres Vaters aufzulösen, rückgängig machen. Bitte betrachten Sie unseren Brief [...] als hinfällig und lassen Sie uns im Sinne des Vertrages [...] das Werk fertigstellen und publizieren.

[...]

Ich muss sagen, Hut ab. Auf eine solche Antwort hatte ich nicht zu hoffen gewagt.

Es ist jetzt noch Einiges zu tun und zu klären, und ich werde jetzt eine aktivere Rolle in der Veröffentlichung des Buches übernehmen; so werde ich beispielsweise einige Bilder nachliefern, die mein Vater zu photographieren nicht mehr in der Lage war. Selbstverständlich werde ich hier im Blog über die Fortschritte berichten.

An dieser Stelle möchte ich mich von ganzem Herzen bei allen bedanken, die mir nach meinem Original-Posting auf vielfältige Weise ihre Unterstützung zugesagt und gezeigt hatten. Das hat mir wirklich enorm viel gebracht und gut getan, und ich werde es nicht vergessen! Und natürlich bedanke ich mich auch beim G. Braun Verlag, der den Mut hatte, eine Entscheidung noch mal zu überdenken.

Näheres demnächst hier.

Ich bin stinksauer

Ich bin stinksauer

In den letzten Monaten vor seiner schweren Krankheit und seinem darauf folgenden Tod arbeitete mein Vater wie ein Besessener an einem letzten, ehrgeizigen Projekt – ein Bildband über Karlsruhe, früher und heute.

Aber nicht so kitschpostkartenhaft wie man jetzt vielleicht denken möchte, sondern, in seinen eigenen Worten:

Als Kind hatte ich den Wiederaufbau erlebt. In den 70er Jahren dann mußte ich zusehen, wie markante Gebäude abgerissen wurden, die den Krieg glücklich überstanden hatten, eins nach dem andern. Nicht genug: Man vernichtete uralte gewachsene Strukturen, verlegte Flußläufe, bastelte künstliche Landschaften zusammen. Was ich als meine Heimat angesehen hatte, wurde unwiederbringlich zerstört und ich konnte nichts dagegen tun! Wenigstens mit Bildern wollte ich mir eine Erinnerung erhalten. Und so zog ich los und fotografierte alles, was mir wichtig erschien. Manchmal kam ich zu spät.
40 Jahre danach habe ich die damals fotografierten Örtlichkeiten noch einmal aufgesucht und den heutigen Zustand aus möglichst gleicher Perspektive aufgenommen. Manchmal hatte ich Tränen in den Augen.

Er arbeitete Tag und Nacht daran, mit einer unglaublichen Energie… obwohl er schon deutlich spürte, wie seine Kräfte schwanden.

Alle möglichen Verzögerungen und Komplikationen sorgten dafür, dass er die Veröffentlichung seines Werkes nicht mehr miterleben würde. Aber wir Angehörigen hatten zumindest den Trost, dass das Buch, das ihm so viel bedeutete und für das er seine letzte Kraft gab, posthum erscheinen würde. Man konnte es sogar noch zu seinen Lebzeiten vorbestellen (auch wenn er davon nichts mehr mitbekam).

Das letzte Bild, das es von meinem Vater und mir gibt. Tausend Dank an Katja dafür.

Das letzte Bild, das es von meinem Vater und mir gibt. Tausend Dank an Katja dafür.

Heute nun erreicht mich die Nachricht vom zuständigen Verlag, dass man sich dazu entschlossen habe, das Buch nicht zu veröffentlichen.

Aber gütigerweise bietet man meiner Mutter 500 (in Worten: fünfhundert) Euro als Quasi-Schmerzensgeld.

Ich kann gerade gar nicht in Worte fassen, wie wahnsinnig sauer ich bin… was für ein unglaublicher, erbarmungsloser Schlag ins Gesicht das ist… sowohl für das Andenken an meinen Vater (der sein Leben lang um Anerkennung kämpfen und immer wieder Enttäuschungen dieser Art verkraften musste, während andere, die sich besser verkaufen konnten, ganz groß rauskamen… vor ein paar Monaten schrieb ich mehr darüber drüben auf dem Botany Bay Blog) als auch für seine Angehörigen, die dieses letzte Aufraffen, seine Besessenheit und seine Hoffnung hautnah miterlebt haben.

Ich bin viel zu sauer als dass ich gerade wüsste, was ich jetzt machen soll. In meinem momentanen Zustand bei den verantwortlichen Menschen vorzusprechen und ihnen zu sagen, in welcher Geschwindigkeit sie sich ihre beschissenen 500 Euro bitteschön Cent für Cent anal einführen dürfen, das empfiehlt sich wohl nicht… zumindest so schlau bin ich.

Aber eins ist sicher: So geht es nicht. Überhaupt nicht.

the happiest days of our lives

the happiest days of our lives

(wer die längere Geschichte zu den Bildern nicht lesen möchte und/oder keine Lust auf einen Seelen-Striptease von mir hat, der möge bitte weiter nach unten scrollen, da kommen noch mehr Bilder)

Meine Jugend, und davon insbesondere vier bestimmte Schuljahre, sind nicht gerade das, wovon ich gerne erzähle oder an das ich mich gerne zurückerinnere. Kurz zusammengefasst lässt sich darüber sagen, es war – wenn man sie unter dem Gesichtspunkt von Freundschaften und Interaktion mit Gleichaltrigen betrachtet – eine saumässig beschissene Zeit und ich bin unendlich dankbar dafür, dass sie vorbei ist.

Meine damalige Schule war eine Katastrophe und meine Mitschüler waren… nun ja, schrecklich. Heute wird das, was ich damals über mich ergehen lassen musste mit dem Begriff “Mobbing” bezeichnet, und es gibt Anlaufstellen und Vertrauenslehrer und Initiativen die sich darum kümmern, und eine erhöhte Medienaufmerksamkeit.

Damals gab es nichts dergleichen, und ich verbrachte vier lange Jahre damit, darüber zu nachzugrübeln, ob ich eigentlich der einzig halbwegs Normale unter einer Armee von Halbstarken, Tyrannen und Schlägertypen war, oder ob die anderen alle völlig normal waren und an mir selbst irgendetwas falsch war.

So gesehen ist es verständlich, dass ich normalerweise keinen Gedanken an diese Zeit verschwende.

Doch inmitten dieser Zeit geschah eine Sache, an die ich mich letzthin zu erinnern gezwungen sah (und das ist natürlich auch der Grund, warum ich das alles hier schreibe). Es begab sich nämlich, als ich ca. 14 Jahre alt war, dass ich von meinem Vater eine alte Ricoh XR-2s inklusive zwei Objektiven geschenkt bekam, was meinen Einstieg in die Welt der Photographie darstellte… und irgendwo wurde die Photographie eines der Dinge, die mir halfen, mich von dem Wahnsinn um mich herum abzugrenzen. Zusammen mit der Musik.

Während die Anderen also Modern Talking und Sabrina hörten, da entdeckte ich The Cure und Depeche Mode und klimperte selbst auf dem Klavier meiner Großeltern rum. Und während die Anderen alle brav im Fußballverein waren, Tag für Tag auf den Bolzplatz zogen, auf dem Weg dorthin (und auf dem Nachhauseweg dann nochmal) ein paar Schwächere zusammenprügelten und dafür vergöttert wurden, da war ich mit meiner Kamera unterwegs und erforschte die Welt um mich herum.

 

Schnell hatte ich meine zwei bevorzugten Plätze zum Fotografieren gefunden… der erste waren die Bahnanlagen, die sich unweit vom Haus meiner Eltern befanden. Die Ruhe und Einsamkeit dort faszinierten mich ebenso wie die Anlagen selbst, die Züge, die Signale, all dieses Zeug das aus einer anderen Welt zu kommen schien.

Der andere Platz war das IWKA-Gelände… ein alter, leerstehender Industriekomplex mitten in Karlsruhe*, in den man ohne Probleme durch eine offenstehende Feuertür (und später, nachdem die zugemauert war, durch das Fenster) hineingelangen konnte. Wenn man Pech hatte, war da ein Typ mit einer Eisenstange unterwegs und jagte einen wieder hinaus, aber das kam selten vor.

Wenn ich mir heute diese Bilder wieder anschaue (und gerade habe ich mir ja einen Diascanner besorgt, um Frau K.’s tolles Weihnachtsgeschenk auch gebührend würdigen zu können), dann ist das ein verdammt eigenartiges Gefühl… über 20 Jahre sind seitdem vergangen, es ist wie ein dunkles, längst vergessenes Kapitel eines Buches, das erst später interessant und erinnerungswürdig wurde.

Und trotzdem bedeuten mir diese Bilder sehr viel, denn wenn ich sie anschaue, dann erinnere ich mich daran, wie es damals war… nicht an die Gestalten in der Schule oder an die nicht vorhandenen aber so sehnsüchtig herbeigewünschten Freundschaften… sondern daran, wie ich anfing, mich selbst zu finden.

Ich lebe!

 

*das IWKA-Gebäude existiert auch heute noch, es ist allerdings nicht wiederzuerkennen. Heutzutage beherrbergt es zwei berühmte Karlsruher Einrichtungen, nämlich das ZKM (Zentrum für Kunst- und Medientechnologie) und die staatliche Hochschule für Gestaltung.