Category Archives: voices in my head

All Change

All Change

 

Es hat sich viel verändert in diesen letzten zwei Jahren. Sowohl um mich herum als auch an mir selbst, an meiner Musik und an meiner Fotografie. Es hat keinen Sinn die Augen davor zu verschließen.

Und irgendwo ist es auch völlig normal, dass sich die Schwerpunkte verschieben, wenn sich die Leben ändern.

Als ich das Blog hier 2009 gestartet habe, wollte ich eine Art virtuelle Ausstellung von meinen Arbeiten machen, ich habe mich am Anfang sehr auf Menschenfotografie konzentriert und irgendwo stand auch der Wunsch nach Austausch mit anderen, nach Kennenlernen von neuen Fotografen und Modellen durchaus im Raum. Teilweise hat das auch geklappt, teilweise auch gar nicht, und irgendwann war’s einfach nur noch deprimierend und mühselig.

Inzwischen ist es 2014, es ist endlos viel anders geworden, und ich muss zugeben, Menschenfotografie im großen Stil und überhaupt diese ganze Shooting-Angelegenheit interessieren mich nicht mehr, ebensowenig wie es mich noch interessiert, mit meiner Musik noch mal großen Erfolg zu haben oder endlich mal von mehr Leuten gesehen und gehört zu werden. Vor ein paar Jahren war das noch ganz anders.

Die ewig gleichen Persönchen werden jetzt vermutlich sagen, jaja, der eingebildete Stephan mit seinen komischen “Hobbies” spielt wieder den Eingeschnappten weil niemand seine komische Musik hört, niemand seine Fotos bejubelt und weil sich niemand für ihn auszieht. Ok, wer das denken will, von mir aus, nur zu, selbst das interessiert mich nicht mehr ;-)

Aber natürlich ist es trotzdem nicht so.

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Ich hab einfach in den letzten zwei Jahren so viel Leid, Trauer, Unsicherheiten und Angst erlebt, dass mir andere Dinge – ich habe es schon mehrfach an anderen Stellen verlauten lassen – unendlich wichtiger und wertvoller geworden sind, als irgendwelche bedauernswerte Leute auf Facebook mit unendlich viel Mühe von den höhö-lustigen-Fail-Videos abzulenken und sie dazu zu kriegen, wenigstens mal drei Takte meiner Songs anzuhören. Oder irgendwelche armen Models und/oder höhö-Selfie-Profilbildchen-Knipser davon zu überzeugen, dass es noch ganz andere Dimensionen der Fotografie gibt als die Tonnen an katastrophalem Pseudo-Erotik-Schrott, der den lieben langen Tag auf der MK ausgestellt wird, und den viel zu viele traurige Gestalten ach-so-toll finden.

Vor ein paar Jahren hatte ich noch diesen Drang, etwas zu ändern… ich wollte unbedingt dass die Leute begreifen und einsehen und dass die Welt besser wird und überhaupt und sowieso. Jetzt aber muss ich sagen: Das Leben ist zu kostbar als dass man seine Zeit hauptsächlich darauf verschwenden sollte, Blinden das Sehen oder Tauben das Hören beizubringen und als Dank dann noch blöde Sprüche gedrückt zu kriegen.

 

Deshalb: Ich schalte hiermit auch fotografisch einen Gang zurück.

Beziehungsweise, ich wechsle mal eben die Straße.

Beziehungsweise, ich stell das Auto mal eben da rechts am Straßenrand ab und gehe zu Fuß weiter, und zwar diesen faszinierenden Feldweg da, der da irgendwie zu einem Irgendwo zu führen scheint, das mir sehr wunderbar vorkommt, und das ich bis jetzt nicht kannte.

(Photo-)blogmässig heisst das: Hier wird es zunächst mal nicht mehr groß weitergehen. Vielleicht irgendwann mal, aber das weiss ich gerade alles nicht… fest steht:

Frau K. und ich machen zusammen ein neues Blog auf, wo wir in Zukunft zusammen neue Bilder veröffentlichen werden; und es wird sehr viel mehr um unser Leben gehen, und um die Dinge die uns wichtig sind. Wir werden dort einfach nur für uns (photo-)bloggen und für die Leute um uns herum… und nicht um irgendjemandem was zu beweisen. Das Leben ist zu kurz.

Wer das interessant findet, der ist gerne eingeladen, uns zu folgen, und zwar auf

http://7gebirge.de

Ich würde mich auf ein Wiedersehen dort sehr freuen. Bis dann, euer

Stephan

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P.S.: Ein Update eines Plugins, kombiniert mit dem Versuch, die Seite zu archivieren, hat leider dafür gesorgt, dass die Reihenfolge der Postings auf diesem Blog vollkommen durcheinander gekommen ist, und auch etliche Mails an die Abonnenten rausgegangen sind, die eigentlich nicht hätten rausgehen dürfen. Das tut mir sehr leid. Ich glaub auch, ich krieg die Reihenfolge nicht wieder hin. Aber natürlich bleibt das Blog ansonsten so erstmal noch bestehen, als ständige Ausstellung früherer Werke, zum Nachlesen und Remeniszieren… :)

S.

Macht

Macht

Vorbemerkung: Alle Personen und Handlungen in dieser Erzählung sind frei erfunden. Diese Erzählung soll keine Kritik an psychotherapeutischen Behandlungsverfahren darstellen, sie ist wirklich nur dieses: Eine fiktive, fantastische Geschichte.

 

1.

“Waaaaaas? Nein, ehrlich?!”

Marias helles Lachen hallte durch das gesamte Restaurant. Einige der Gäste an den umliegenden Tischen, ihre überwiegende Anzahl in teure Anzüge und Abendkleider gekleidet, drehten sich kurz zu ihr um und bestraften sie mit verständnislosen Blicken… man war ein solches Auftreten in diesem Etablissement nicht gewohnt, ebenso wenig wie man Marias eher legeren Kleidungsstil gewohnt war. Zwar war die von ihr getragene Bluse mit dem Jackett darüber keinesfalls billig, aber sie war eben auch noch lange nicht teuer genug, um hier etwas zu gelten. Hier war die High Society.

Hier trafen sich die Macher. Diejenigen, die es zu etwas gebracht hatten.

So wie Thomas Breitwieser.

Prof. Dr. Thomas Breitwieser.

Thomas, der sie nach seiner frenetisch bejubelten Rede auf der Jahrestagung der Gesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie hierher ausgeführt hatte.

Thomas, der Erfinder der postregressiven Unifikationstherapie, die in eine Revolution in der Psychotherapie ausgelöst hatte, wie sie es bis dahin noch nicht gegeben hatte.

Thomas, den sie seit ihrer Studienzeit nicht mehr gesehen hatte, und der in den letzten acht Jahren dank seiner Erfindung zu einer internationalen Größe in der Psychotherapie geworden war, mit brillanten, über die Fachpresse hinaus gefeierten Publikationen und Vorträgen auf der ganzen Welt. Continue reading

Die Brücke

Die Brücke

 

Als ich noch ein kleines Kind war, ging mein Großvater oft mit mir im Weiherwald spazieren. Der Weiherwald war (und ist noch immer) ein mittelgroßes von Seen und Flüssen durchzogenes Waldstück im Karlsruher Stadtteil Weiherfeld, und war von unserem alten Hexenhäuschen aus bequem zu Fuß zu erreichen.

Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als wir eines schönen Sommertags wieder einmal einen unserer Spaziergänge machten und dabei bemerkten, dass die alte, morsche und gefährliche Holzbrücke durch eine funkelnagelneue, dunkelbraun lackierte Holzbrücke ersetzt worden war.

“Schau mal, sie haben die Brücke neu gemacht”, sagte mein Großvater, “komm, das schauen wir uns an!”

Gesagt, getan, zusammen bestaunten wir die neue Brücke und machten langsam uns an den Überweg. Ich sehe ihn noch genau vor mir, als ob es nicht vor 35 Jahren sondern gestern gewesen wäre – meinen Großvater mit seinem braunen Lederhut mit der breiten Krempe und seinem Spazierstock.

Plötzlich hielt er unvermittelt inne. “So eine Sauerei”, entfuhr es ihm, während er auf das breite und wuchtige hölzerne Geländer der Brücke starrte. Dort hatte irgend jemand offensichtlich nicht mehr als wenige Tage zuvor (länger gab es die Brücke noch nicht) ein Hakenkreuz eingeritzt.

Der Grund, dass ich diese Geschichte jetzt aufschreibe, ist, dass ich mich wohl ewig ganz genau daran erinnern werde, was als nächstes passierte. Denn mein Großvater, sonst nicht der übermäßig aktive Mensch, nahm seinen Spazierstock und begann, mit der metallischen Spitze das Hakenkreuz in ein Rechteck mit einem Kreuz darin zu verwandeln.

“Was machst Du denn?” wollte ich wissen.

“Ich mache das Hakenkreuz kaputt”, antwortete mein Großvater.

“Aber warum denn?”

“Das ist ein ganz böses Zeichen. Ein widerliches und gemeines Zeichen”, sagte er, während er mit frenetischem Eifer die Brücke bearbeitete.

“Warum ist das Zeichen böse?” fragte ich.

“Das war das Zeichen der Nazis”, erklärte mein Großvater. “Die Nazis waren ein ganz großer Haufen Schwerverbrecher. Die haben Millionen von Menschen getötet und vertrieben… und einen Krieg veranstaltet in dem noch viel mehr umgekommen sind… und ich beinahe auch…”

“Aber warum hat sie niemand aufgehalten? Warum hat niemand die Polizei gerufen?”

Mein Großvater drehte sich zu mir um und schaute mich ernst an, die Hand noch immer am Spazierstock, mit dem er die Brücke bearbeitete. Schweißperlen rannen an seiner Stirn herunter, und ich werde diesen Blick ebenso wie seine Antwort und alles andere nicht vergessen.

“Die waren die Polizei.”

Ich muss wohl einigermaßen entsetzt geschaut haben, denn mein Großvater fuhr sogleich fort: “Aber das ist lange her. Beinahe vierzig Jahre. Inzwischen ist alles anders.”

“Aber wenn das so lange her ist, warum hat dann jetzt jemand das Zeichen in die Brücke gemacht?” fragte ich.

“Der, der das gemacht hat, ist ganz einfach ein ganz großer Idiot”, sagte mein Großvater, “mehr nicht. Der war nicht dabei, hat es nicht mitgekriegt, hat in der Schule nicht aufgepasst und hat keine Ahnung was das Hakenkreuz wirklich bedeutet.”

Und damit nahm er seinen Spazierstock in die rechte und mich an die linke Hand, und wir setzten unseren Spaziergang fort.

Erst später erfuhr ich, dass mein Großvater zwei Weltkriege miterlebt hatte. Dass er im zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft geraten war, aus der er 1948 mehr tot als lebendig zurückgekehrt war. Dass er Mitglied in der KPD gewesen war und deshalb an der Front verheizt wurde, dass er später Entschädigung beantragt hatte die ihm nicht bewilligt wurde, weil die KPD in Deutschland inzwischen verboten war. Und so weiter und so fort.

Und natürlich erfuhr ich später auch mehr über die Nazis – von meinem Großvater, im Geschichtsunterricht, in Büchern, in Filmen und an Gedenkstätten.

Tja, und heute bin ich nach langer Zeit wieder einmal an der Brücke vorbeigekommen. Inzwischen gibt es die Holzbrücke nicht mehr, und sie wurde durch ein Bauwerk aus Beton und blau lackiertem Stahl ersetzt, auf dem sich glücklicherweise keine Hakenkreuze befinden. Und irgendwie musste ich beim Überqueren der Brücke – und nachdem “Freiwild” (nee, ich weigere mich, den Bandnamen so zu schreiben wie die Band das gerne hätte) gerade die Teilnahme am “with full force” Festival abgesagt hat und die Band auf ihrer Facebook-Seite das missverstandene Opfer gibt und dafür von hunderten Fans bejubelt wird – daran denken, dass Faschismus keine Meinung ist, sondern ein Verbrechen… und an den Mann, der mir das zum ersten Mal klar machte.

Danke, Großvater.