Nadja

Nadja

1.

Der Geruch von Eintopf, Bier, frisch gebackenem Brot und heißem Kerzenwachs lag in der Luft. Es war 7 Uhr abends, und allmählich füllte sich die Kneipe mit Gästen aus dem ganzen Dorf. Hier war der ideale Platz, um nach einem langen Tag in der Gesellschaft von Freunden ein wenig zur Ruhe zu kommen, über dies und das zu reden und es sich einfach gut gehen zu lassen – insbesondere, da es draußen merklich kälter geworden war und der Winter vor der Tür stand.

Kristian lächelte in sich hinein und bestellte einen weiteren Krug Bier. Er saß zusammen mit seinem guten Freund Georg an einem der hinteren Tische, und gerade war das Gespräch irgendwie auf Nadja gekommen. Kristian konnte nicht anders als lächeln, wenn er an sie dachte.

“Du bist noch immer sehr verliebt in sie, oder?” fragte Georg, was unnötig war.

“Oh ja”, antwortete Kristian und schaute verträumt in das flackernde Kerzenlicht, “und wie!”

Georg lächelte auch. Aber es war ein eher nachdenkliches Lächeln. Innerlich kämpfte er mit sich, ob er Kristian sagen sollte, was er die ganze Zeit schon auf dem Herzen hatte, oder ob er es besser weiterhin genießen sollte, dass sein Freund so glücklich war. Er entschied sich für letzteres und orderte selbst auch noch einen Krug Bier, aus dem er dann immer wieder einen Schluck nahm, während er zuhörte, wie Kristian aus dem Schwärmen nicht mehr herauskam.

“…und gestern sind wir ausgeritten. Erst über den Fluss und dann über die Berge im Süden, dort, wo ich vorher noch nie war. Dort gibt es einen See und eine kleine Hütte… sie zeigt mir so viel Neues… was ist denn?”

“Ihr beide seid wirklich zu beneiden”, sagte Georg schließlich, nachdem er noch einen Schluck Bier genommen hatte, “und ich freue mich ehrlich für Dich.”

“…aber irgendetwas macht Dir Sorgen”, ergänzte Kristian.

“Ja”, gab Georg zu, “aber ich will Dir jetzt keine Angst machen oder so…”

Kristian blickte seinen Freund irritiert an.

“Sags mir einfach, du weißt, dass Du mir alles sagen darfst…”

“In Ordnung… du weißt, dass Du nicht Nadjas erster Mann bist”, sage Georg.

Kristian lächelte wieder. “Ja, das weiß ich. Darüber habe ich mir auch schon den Kopf zerbrochen… ob alles, was wir erleben, wirklich so besonders ist, oder ob es mit ihren vorherigen Männern auch so war und bei uns auch irgendwann zu Ende ist…”

Georg schüttelte verneinend den Kopf, aber Kristian bemerkte es nicht und redete einfach weiter.
“…ob ich mir vielleicht alles nur einbilde und es für sie gar nicht so besonders ist, ob ich ihr überhaupt gerecht werde… aber auf der anderen Seite, sie ist auch nicht meine erste Frau…”

“Nein, darum geht’s mir gar nicht”, unterbrach Georg schließlich.

“Worum denn dann?” wollte Kristian wissen.

“Eigentlich eher darum, dass all ihre vorherigen Männer verschwunden sind.”

“Woher weißt denn Du das?”

“Ach, das hört man halt so…”

Mit einem säuerlichen Grinsen ließ Kristian seine Blicke in der Kneipe umherwandern. “So, so. Was man nicht alles so hört…”

“Es ist nicht so, dass das ganze Dorf darüber redet…”, beschwichtigte Georg, der Kristians Gedanken erraten hatte, “ich habe nur von der Tochter des Schmiedes davon gehört, die mit Nadjas Schwester befreundet ist…”

“Schlimm genug”, erwiderte Kristian und nahm einen großen Schluck Bier aus seinem Krug.

Eine Weile saßen die beiden da und sprachen kein Wort.

“Ach Kristian, ich wollte Dir nicht Deine gute Laune verderben, es ist nur so, dass ich Angst um Dich habe…” sagte Georg schließlich.

“Und Du denkst tatsächlich, Nadja hat etwas damit zu tun, dass sie verschwunden sind?” fragte Kristian.

Zögerlich zuckte Georg mit den Schultern. “Ich weiß es nicht, es könnte sein…”

Kristian atmete tief durch. “Georg, Du weißt ganz genau, dass Menschen eben einfach verschwinden.

Du könntest morgen verschwinden. Oder der Wirt. Oder Nadja. Oder eben auch ich. Das passiert einfach, und niemand kann etwas dafür…”

Georg nickte. “Ich weiß. Ich hab allerdings schon gehört, dass Menschen verschwunden sind, die nicht geschlafen haben…”

Kristian schüttelte mit dem Kopf. “Du hörst ziemlich viel, wenn der Tag lang ist, kann das sein? Nicht geschlafen… so was passiert doch nicht. Nachts schlafen alle, das weißt Du doch – es geht gar nicht anders.”

Wieder nickte Georg. “Es tut mir leid, ich glaube, es war dumm von mir, in die Richtung zu denken…”

“Macht nix”, sagte Kristian. “Ich weiß das mit ihren Männern. Und eigentlich tut sie mir ziemlich leid deswegen. Es muss hart sein, wenn einer nach dem anderen verschwindet… ich habe manchmal das Gefühl, es kostet sie deshalb noch immer sehr viel Kraft, sich auf mich einzulassen…”

“Ja”, sagte Georg und nickte. “Das kann ich mir vorstellen… es war wirklich dumm von mir, sie auch noch verantwortlich dafür machen zu wollen…”

Kristian legte Georg eine Hand auf die Schulter. “Ist schon gut… es ehrt mich sehr, dass Du besorgt um mich bist”, sagte er lächelnd.

“Tja… ich werde dann wohl gehen… Nadja wollte die Nacht bei mir verbringen, ich möchte nicht, dass sie vor verschlossenen Türen steht…”

Georg schüttelte seinem Freund die Hand. “Machs gut, und sag ihr einen schönen Gruß von mir.”

“Werd ich ausrichten”, sagte Kristian, erhob sich, nahm seinen Mantel vom Kleiderhaken und verließ die Kneipe.

Kristian konnte natürlich nicht anders, als auf seinem kurzen Nachhauseweg darüber nachzugrübeln, was Georg zu ihm gesagt hatte – obwohl er es eigentlich nicht wollte. Zu oft schon hatte er schon gegrübelt, beispielsweise darüber, ob Nadja wohl auch so empfinde wie er. Für ihn stand fest, dass sie die bemerkenswerteste Frau war, die er je kennengelernt hatte. Sie wiederum zeigte ihre Zuneigung nicht so oft – jedenfalls nicht durch Worte.

Kristian schloss die Tür zu seinem Haus auf, setzte sich in die Küche, machte Feuer im Ofen, zündete ein paar Kerzen an und versuchte, auf andere Gedanken zu kommen.

Morgen würden sie zusammen fischen gehen und abends vielleicht tanzen.

So gut wie alles, was er mit ihr erlebte, war wunderbar. Und er glaubte, nein, er hoffte, dass dies ihre Art und Weise war, ihm zu zeigen, dass sie genau so wie er empfand. Es gab nichts, was zwischen ihnen stand. Hoffentlich. Auch nicht ihre vorherigen Partner oder die Tatsache, dass sie verschwunden waren.

Es dauerte nicht lang, und die Türglocke läutete. Kristian eilte zur Haustür und öffnete sie.

Draußen stand Nadja, beladen mit einem Korb, die ersten Schneeflocken dieses Winters auf ihrem schwarzen Mantel und das schönste Lächeln, das Kristian je gesehen hatte, auf dem Gesicht.

Die beiden umarmten sich zur Begrüßung stürmisch. Sie küssten sich lange und innig, ehe Kristian auch nur dazu kam, die Tür zu schließen.

“Ich habe uns was zu essen mitgebracht”, sagte Nadja und nahm die Decke von ihrem Korb. Darunter befand sich ein großer Laib Brot und ein großes Glas mit Gänseschmalz darin.

“Prima!” sagte Kristian und legte die Sachen auf den Küchentisch. “Ich hab zwar schon was gegessen… vorhin, mit Georg, in der Kneipe…”

“Ach, das macht nichts, ich habe es nicht so eilig mit dem Essen”, entgegnete Nadja und zwinkerte Kristian zu.

Kristian seufzte. Sie brauchten keine weiteren Worte, es war einfach so. Mit ihren Blicken schickten sie einander Blitz und Donner – das war genug.

Sie nahmen sich in den Arm und hielten sich ganz fest. Kristian küsste Nadjas Hals und atmete gierig den Duft ihres Körpers ein. Sie fuhr mit den Händen durch sein Haar, massierte seinen

Nacken und drückte ihren Unterleib an den seinen, während sie mit ihren großen, dunklen Augen direkt in seine großen, dunklen Augen blickte.

“Es ist so schön mit Dir”, flüsterte Kristian und streichelte sanft ihre Wange bis hinauf in ihr Haar. Wieder und wieder umarmten sie sich, rochen aneinander, ließen sanft ihre Hände über den Körper des anderen gleiten wie warmes Wasser.

Bald lagen sie da, einander in die Augen blickend. Langsam bewegten sie sich, und es war zunächst wie ein langsamer Tanz, wie ein leises Lied mit einer wunderschönen Melodie. Mit der Zeit wurde das Lied lauter, der Tanz wurde heftiger, sie schlossen ihre Augen, sie öffneten sie wieder, sie küssten sich, sie drückten sich ganz fest aneinander, sie spürten, wie das Herz des anderen schlug.

Kristian fühlte sich, als würde er vor Freude sterben. Er lehnte sich zurück, schloss die Augen und ließ sich von Nadja wie von einem Wirbelsturm davontragen. Er fühlte sich ihr so nahe, wie er sich noch keinem anderen Menschen nahe gefühlt hatte. Und er wußte, dass es in Ordnung ist, er wußte, dass er sich gehen lassen konnte, denn sie tat es auch.

Als sie wieder zur Ruhe gekommen waren, hätte Kristian ihr gerne gesagt, wie schön es für ihn war – und wie schön es für ihn war, richtig gewollt zu werden. Aber irgendwie fielen ihm die passenden Worte nicht ein und so beließ er es dabei, Nadjas Gesicht und Hals zu streicheln und ihr ein Lächeln zu schenken, von dem er hoffte, dass es alles sagen würde. Nadja lächelte auch, sie lächelte glücklich und zufrieden, und Kristian wünschte sich in diesem Moment mehr als alles auf der Welt, dass sie genau so wie er empfand.

Nach einiger Zeit übermannte Kristian eine entsetzliche Müdigkeit. “Wir müssen schlafen gehen”, stellte er fest.

Einen kurzen Moment lang blickte Nadja ihn traurig an. Dann lächelte sie wieder und sagte “ja, das müssen wir”. Doch der Augenblick war lang genug gewesen, dass Kristian ihn bemerkt hatte.

“Was hast Du?” fragte er.

“Oh, eigentlich nichts, ich finde es nur schade, dass wir jetzt schon schlafen müssen”, antwortete Nadja.

“Wir haben uns ja morgen wieder, dann essen wir Dein Brot zum Frühstück und gehen fischen…”
Kristian stutzte. “Merkst Du denn nicht, dass wir schlafen müssen?”

Nadja nahm seine Hand und stand mit ihm zusammen auf. “Doch, und wie. Lass uns schnell ins Bett gehen”, sagte sie, und zusammen gingen sie ins Schlafzimmer.

Dort legten sie sich nebeneinander ins Bett. Kristian schaute Nadja ein letztes Mal an, dann schloss er die Augen und schlief ein.

2.

Die folgenden Wochen waren wie im Flug vergangen. Nadja und Kristian hatten viel Zeit miteinander verbracht. Sie waren viel spazieren gegangen, waren oft mit den Pferden ausgeritten, sie hatten zusammen gebastelt und gekocht, und sie hatten miteinander geschlafen.
Kristians Liebe für Nadja war in dieser Zeit noch größer geworden, wenn das überhaupt möglich war.

Und doch – in der jüngsten Zeit überkam ihn immer mehr das Gefühl, dass sich irgendetwas veränderte. Nadja schien öfters sehr nachdenklich zu sein, sie war ab und zu richtiggehend abwesend.

Wenn Kristian sie fragte, was los sei, dann sagte sie immer, sie hätte in der Mühle viel Arbeit zu tun, die ihr sehr wichtig sei – aber Kristian hatte große Angst, dass sie ihn in Wirklichkeit einfach nicht mehr so liebte wie am Anfang. Und je größer seine Angst wurde, desto weniger geschah, was ihn hätte beruhigen können – denn je öfter er nachfragte, desto mehr schien ihm Nadja auszuweichen und für sich behalten zu wollen, was in ihrem Kopf vorging.
Und so sah man Kristian öfters zusammen mit Georg und anderen Genossen in der Kneipe, wo er mehr begonnen hatte, mehr als nötig zu trinken und sich immer dunklere Gedanken zu machen.

“Vielleicht habe ich mir alles nur eingeredet…”, pflegte er zu seufzen, “und unsere Liebe ist gar nichts so besonderes. Vermutlich wars mit den anderen Herren genau so gut wenn nicht noch besser, und ich kriege sowieso nur ein halb davon, als sie jedem einzelnen von ihnen gegeben hat… es ist gut, dass sie allesamt verschwunden sind, ansonsten würd’ ich mich selbst aufmachen und dafür sorgen, dass sie verschwinden…”

Und egal, was Georg oder die anderen aufbrachten, nichts konnte Kristian wirklich aufmuntern.

Als er sich eines Abends wieder mit Nadja traf, waren beide sehr still. Kristian hatte Tee aufgesetzt, den die beiden nun tranken, ohne ein Wort miteinander zu wechseln.

Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr war sich Kristian sicher, dass er sich nichts einbildete, und dass tatsächlich vieles anders geworden war: Von den stürmischen Umarmungen war nicht viel übrig geblieben, und mit Nadja zu schlafen wagte er gar nicht zu hoffen, zu oft hatte er in der jüngsten Zeit dazu Lust gehabt und sie nicht. Das tat ihm besonders weh, denn er hätte sich ihr gerne wieder nahe gefühlt, und er hätte gerne weiter mit dem Gefühl gelebt, dass sie sich in ihrem Begehren entsprechen.

Und so schwieg er und hoffte, dass irgendwas geschehen würde, damit sie sich nicht den ganzen Abend anschweigen.

“Wie war Dein Tag?” fragte Nadja schließlich.

“Es geht so… ich hab Dich vermisst”, antwortete Kristian.

“Ich Dich auch.”

“Wirklich?”

“Ja, wirklich.”

Wieder schwiegen sie.

Nach einer Weile fuhr Nadja zusammen, als ob sie innerlich zu einem schwerwiegenden Entschluss gekommen sei.

“Kristian, ich würde Dich gerne etwas fragen, etwas Ungewöhnliches.”

Kristian nickte.

“Du brauchst auch nicht zu antworten, wenn es Dir unangenehm ist.”

Wieder nickte Kristian.

“Gut. Meine Frage ist, Kristian, hast Du schon einmal geträumt?”

Kristian schaute sehr verwirrt drein. Das hatte er wirklich nicht erwartet. Vom Träumen sprach man nicht viel, niemand tat das. Träumen war nicht normal, unanständig, und Kristian glaubte nicht, dass es viele Menschen taten oder bereit wären, es zuzugeben.

Er brauchte eine Weile, um nach einer Antwort zu suchen. Dann fiel ihm auf, dass er so schnell keine finden konnte.

Er schaute Nadja in die Augen. “Hast Du denn schon einmal geträumt?” fragte er.

Nadja nickte. “Ja, das habe ich”, antwortete sie. “Und Du?”

“Ich… ich…”, stammelte Kristian, “…ich weiß es nicht, ich glaube schon. Doch, ja, ich glaube schon.”

Nadja nickte. Sie nahm Kristians Hand.

“Kannst Du Dich erinnern, was Du geträumt hast?”

Kristian überlegte. Die Frage war so anders, so viel intimer als alle Fragen, die ihm bisher gestellt worden waren, dass es nicht ganz einfach war, damit zurecht zu kommen.

“Nicht richtig… ich weiß, es war alles anders… und anstrengend… aber ich… ich…”
Nadja nickte. “Ist gut, Du brauchst Dich nicht so zu quälen. Ich möchte Dir nur noch eine Frage stellen.”

“In Ordnung”, sagte Kristian.

“Möchtest Du mit mir zusammen träumen?”

“Wie?!” fragte Kristian, während ihm heiß und kalt wurde.

“Möchtest Du mit mir zusammen träumen?”

“Geht das denn?” fragte Kristian.

Nadja lächelte. Ihr Lächeln war zu gleichen Teilen traurig als auch fröhlich, und als Kristian in ihre Augen blickte, da hatte er das sehr einsame Gefühl, dass Nadja Geheimnisse kannte, von denen er nicht die geringste Ahnung hatte.

Langsam nickte sie.

“Oh ja, das geht”, sagte sie.

“Ist das nicht entsetzlich unangenehm?” fragte Kristian.

Nadja nahm einen Schluck Tee aus ihrer Tasse.

“Am Anfang, ja…”, antwortete sie, “aber wenn Du Dich daran gewöhnt hast, dann kann es sehr, sehr schön sein… so schön, wie wenn wir Liebe machen… wir können dann auch Liebe machen, während wir träumen…”

Kristian wußte nicht, was er sagen sollte, und so stammelte er hilflos vor sich hin.

“Wenn Du es jetzt noch nicht willst, dann lass’ uns warten… wir brauchen nicht gleich…”

“Nadja, hast Du auch mit Deinen Ex-Männern zusammen geträumt?” unterbrach Kristian. Es war das Einzige, das ihm in seiner Angst, nicht mehr richtig geliebt zu werden, einfiel.

Nadja nickte. “Ja, das habe ich.”

Kristian atmete tief durch.

“Und, war es schön?” fragte er. Er hasste dieses Aufwallen von Eifersucht in ihm, aber er konnte es nicht ändern.

“Wichtig ist, ob Du es willst und ob es für uns beide schön ist”, entgegnete Nadja entschieden.

“In Ordnung, ich will mit Dir träumen. Was muss ich also tun?” fragte Kristian, ebenso entschieden.

“Du musst warten, bis Du müde bist. Und dann darfst Du nicht schlafen, sondern Du musst träumen”, antwortete Nadja. “Lass’ uns ins Bett gehen, ich helfe Dir.”

Bald darauf lagen sie nebeneinander im Bett. Kristian lag auf dem Rücken und schaute an die Decke. Nadja lag neben ihm, sie hatte sich auf einen Ellebogen aufgerichtet und streichelte seine Brust.

“Es ist bald soweit”, sagte sie, nachdem sie kurz einen Blick zum Fenster geworfen hatte.

“Ja, es muss gleich neun Uhr sein”, bestätigte Kristian.

Nadja nickte.

“Nadja… ich wollte Dir noch sagen, dass ich Dich sehr liebe. Du bist ein ganz besonderer Mensch, und ich bin froh, dass ich Dich gefunden habe…” sagte Kristian.

Wiederum nickte Nadja. “Das bin ich auch”, sagte sie. Aber Kristian hatte das Gefühl, dass es bei ihr ganz anders klang als bei ihm. Als sage sie es, damit er nicht weiter redet und sie ihre Ruhe hat. Als ginge etwas ganz anderes in ihr vor, als sie ihm durch ihre Worte zeigte.

“…aber wenn Du mich nicht mehr richtig liebst, dann würde ich es gerne wissen…” sagte Kristian noch, als er plötzlich merkte, wie er müde wurde. Nadja merkte es auch, denn Kristians Augen zwinkerten plötzlich, als hätte er Mühe, sie offen zu halten.

“In Ordnung”, sagte Nadja. “Du darfst jetzt nicht einfach einschlafen. Es wird sehr schwer für Dich, aber Du wirst es schaffen.”

“Und Du?” fragte Kristian.

“Ich bin nicht müde. Kein Stück”, erklärte Nadja und kniete sich über Kristian. Sie nahm seine beiden Hände und drückte sie fest.

“Ich weiß nicht, ob ich das kann”, sagte Kristian mit Mühe. Inzwischen war er sterbensmüde geworden. Die Welt um ihn herum schien zu verschwimmen, aber er fühlte, wie Nadja seine beiden Hände noch fester drückte.

“Du kannst das. Ich weiß es”, sagte Nadja. “Schlaf nicht ein. Denk an irgendwas, denk ganz fest daran!”

Kristian bemühte sich, aber die Müdigkeit schien viel stärker als er zu sein. Er konnte doch nicht einfach nicht schlafen… und außerdem, waren nicht Nadjas vorherige Männer verschwunden? Und sagte man sich nicht, dass diejenigen verschwinden, die nicht schlafen? Mit einem Mal bekam er Angst, sein Kopf dröhnte vor einer Welle von Schlaf, die kurz davor war, über ihn wegzurollen.
Nadja warf sich mit ihrem ganzen Körper auf Kristian. Sie schüttelte ihn und schlug ihn. Sie krallte ihre Finger in seine Haut, bis er blutete. “Du darfst nicht einschlafen!” schrie sie, so laut sie nur konnte. “Kristian! Hör auf mich. Bitte! Nicht einschlafen!Nicht…”

Die schwarze Welle von Vergessen, Stille und Dunkelheit fegte über Kristian hinweg. Er konnte sich nicht weiter wehren. Er fühlte, wie Nadja davon mitgerissen wurde, er spürte ihre Schläge immer weniger, bald war er sich nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch da war. Doch während er bereit war, sich von der Welle davontragen zu lassen, da wurde ihm klar, dass es ganz anders war, als sonst. Es war, wie wenn er in einen See springen würde, in den er schon tausendmal zuvor gesprungen war – nur dass er diesmal nicht ins Wasser glitt und irgendwann davon schwamm, sondern sich das Wasser als Luft und der See als ein tiefes Loch entpuppte, durch das er hindurch fiel.
Voller Angst, irgendwann auf dem Boden aufzukommen und sich dabei alle Knochen zu brechen, schrie er auf. Er schrie aus Leibeskräften, er versuchte, sich irgendwo festzuhalten, aber es gab keinen Halt.

Dann plötzlich kam er zur Ruhe.

Er lag auf einer Art Bett unter einer viel zu leichten Decke. Es war kalt um ihn herum, er hörte leise Stimmen, doch er konnte nicht verstehen, was sie sagten.

Er öffnete die Augen.

Verwirrt schaute er sich um. Er befand sich in einem niedrigen, kalten Zimmer, das durch einen Strahl Sonnenlicht erhellt wurde, welches durch ein kleines Fenster direkt unter der Decke drang. In dem Zimmer standen kaum Möbel, nur ein kleiner Tisch mit einem Tonkrug und einem Teller, auf dem sich Reste von Hirsebrei befanden. In dem Krug war ein wenig Wasser.

Er war noch nie an diesem Ort gewesen. Oder vielleicht doch?

Er versuchte, sich zu erinnern, was passiert war – aber da fiel ihm auf, dass er sich kaum erinnern konnte. Es war furchtbar schwer, an den Ort zu denken, von dem er gekommen war. An die Kneipe, den Brunnen, die Mühle, an Georg und die anderen… all das erschien ihm ganz weit weg, beinahe als ob er nie dort gewesen sei. Nur Nadja sah er deutlich vor sich. Aber je mehr er an sie dachte, desto mehr noch verblasste die Erinnerung an alles andere. Und desto mehr war er sicher, dass er hier schon öfter gewesen war.

Er nahm den Krug mit Wasser und trank ihn aus. Das Wasser schmeckte schal und abgestanden, aber das störte ihn nicht – es war schließlich immer so gewesen.

Er nahm seinen Teller und den Krug und ging durch die Tür nach draußen. Im Vorraum zu seinem Schlafzimmer saßen drei Männer, wie er selbst in graue Leinentücher gekleidet, um einen Tisch herum, auf dem ein Topf mit Hirsebrei und ein großer Krug mit Wasser darin stand. Jeder von ihnen hatte einen Teller vor sich und einen kleinen Krug. Die drei waren abgemagert und ausgemergelt, so wie jeder hier.

Kristian setzte sich zu ihnen, kratzte mit der Hand den letzten Rest Hirsebrei aus dem Topf und lud ihn auf seinen Teller. Dann stopfte er sich nach und nach kleine Stücke Brei in den Mund und kaute sie gut, denn er wußte, dass es lange dauern würde, ehe er wieder etwas zu essen bekam. Er ärgerte sich, dass nur so wenig Brei übrig war, denn eigentlich hatte er ziemlich großen Hunger.
Das schien einer der anderen Männer zu bemerken. “Selbst schuld, wenn Du zu spät kommst“, sagte er mit rauer Stimme.

“Ist gut”, sagte Kristian und aß weiter seinen Brei.

Dann standen sie auf und gingen nach draußen. Draußen war es ziemlich kalt. Sie befanden sich in einer Art Dorf, durch das eine lange, lehmige Straße führte – die Häuser an der Straße waren primitive Holzhütten, so wie jene, aus der sie eben gekommen waren. Nur wenige Leute waren auf der lehmigen Straße unterwegs, und sie alle waren in die gleichen, einfachen Leinenkleider gehüllt.

Zusammen mit den anderen drei Männern ging Kristian die Straße hinunter bis zum Ende des Dorfes. Sie betraten ein kleines, schäbiges Haus und nahmen dort je einen schweren, groben Lederrucksack und eine Spitzhacke an sich. Dann gingen sie weiter, zum Dorf hinaus, durch den Wald. Kristian bemerkte, wie schwer sich seine Beine anfühlten – doch eigentlich hatten sie das schon immer getan, zumindest konnte Kristian sich nicht mehr erinnern, wann und wo es jemals anders gewesen war.

Nach eineinhalb Stunden Fußmarsch hatten sie den Wald durchquert und waren am Fuß des Gebirges angekommen. Dort befand sich ein Bretterverhau, den sie nun betraten. Der Bretterverhau war der Eingang zu einem spärlich mit Fackeln beleuchteten Schacht, der tief in das Gebirge hineinführte.

Je weiter sie gingen, desto muffiger wurde die Luft. In dem Schacht arbeiteten mehrere Gestalten in Leinenkleidern. Mit Spitzhacke, Hammer und Meißel förderten sie Eisenerz zu Tage, das sie in große Kisten luden und nach draußen trugen.

Kristian und die anderen drei reihten sich ein und begannen ihrerseits damit, die Wand mit den Werkzeugen zu bearbeiten, die sie mitgebracht hatten.

Das taten sie den ganzen Tag lang. Nach einer Weile bemerkte Kristian, dass seine Hände irgendwie ungewohnt aussahen. Er hatte bisher nicht bemerkt, dass er eine solch dünne, rissige Haut hatte, und als er mit seinen Händen über die Stirn fuhr, um sich den Schweiß abzuwischen, da fühlte er mit seinen Fingern deutlich die Falten auf seiner Stirn. Vermutlich hatte er dem bislang einfach keine große Beachtung geschenkt, trotzdem war es sehr seltsam, dass es ihm gerade jetzt und auf diese Art und Weise auffiel.

Als sie wieder ins Dorf kamen waren sie todmüde und ausgehungert. Zum Glück stand auf dem Tisch ein voller Topf mit Hirsebrei, über den sich die vier nun gierig hermachten.

Nachdem er fertiggegessen hatte, nahm Kristian seinen Krug Wasser und ging in das Zimmer, aus dem er gekommen war. Erschöpft fiel er auf seine Pritsche und zog das Tuch über seinen Körper. Er lag eine Weile auf dem Rücken und schaute an die Decke. Da drang ein Bild in seine Gedanken – ein Gesicht, das er in diesem Dorf noch nie gesehen hatte. In dem Moment, als ihm klar wurde, wer es war, wachte er schweißgebadet auf.

Kristian schaute neben sich, doch Nadja war nicht mehr da. Er lag allein in seinem Bett, im Kamin brannten die letzten Stücke Holz herunter, während draußen die Morgendämmerung begonnen hatte.

Er richtete sich auf und schaute sich eine Weile um. Was er eben erlebt hatte, schien in weite Ferne zu rücken. Er hatte geträumt, aber die Erinnerung daran wurde immer undeutlicher – als sei es über hundert Jahre her. Bald fühlte er sich nur noch einsam und fragte sich, wo Nadja wohl hingegangen war.

Er legte sich wieder hin und zog die Decke über den Kopf. Die Decke roch noch ein wenig nach Nadja, und er wickelte sich so fest darin ein, wie er nur konnte. Einige Minuten lang lag er still da. Warum war sie nur weggegangen? Musste das nicht bedeuten, dass er ihr nicht wichtig war?

Was war gestern Abend überhaupt geschehen?

Die Türglocke läutete.

Kristian sprang auf, zog sich einen Morgenmantel über, eilte zur Haustür und öffnete sie.

Draußen stand Nadja.

“Na, hast Du geträumt?” fragte sie.

“Psst!” zischte Kristian energisch und schaute sich um, ob irgendjemand in der Nähe war, der Nadjas Worte hätte hören können. Er bedeutete ihr, reinzukommen.

“Warum bist Du weggegangen?” fragte er, nachdem er die Tür hinter ihr geschlossen hatte.

“Das ist doch jetzt nicht so wichtig”, antwortete sie.

“Für mich ist es wichtig… sag es mir doch bitte”, entgegnete Kristian.

“Du brauchst nicht alles wissen”, sagte Nadja kühl und abweisend. “Es gibt auch noch ein paar Dinge, die ich für mich behalten will.”

Das war es. Eben so gut hätte sie sagen können, “Du gehst mir auf den Nerv und unsere Liebe ist sowieso so gut wie vorbei.” Er war bereit gewesen, alles mit ihr zu teilen, und jetzt das.

So nahe sie ihm schon gewesen war, so weit weg erschien sie ihm jetzt. Es machte überhaupt keinen Sinn.

Kristian schwieg für ein paar Sekunden.

“Wenn das so ist, dann kannst Du gehen und den Rest auch für Dich behalten.” sagte er schließlich.

Nadja schaute ihn wütend an. “In Ordnung, das werde ich tun”, sagte sie, machte kehrt, öffnete die Tür und verließ das Haus.

3.

Kristian wußte nicht, ob er wütend sein sollte, oder ob ihm das Herz zerspringen mochte. Er hatte Nadja noch eine ganze Weile durch das Fenster hindurch nachgesehen, doch sie hatte sich nicht noch einmal nach ihm umgedreht.Langsam ging er zurück, setzte sich an den Küchentisch und vergrub dort den Kopf in seine Hände. Immer wieder die gleichen Gedanken schossen in Windeseile durch seinen Kopf -was hatte er falsch gemacht? War es denn wirklich möglich, dass Nadja so viel anders als er empfand? Wie konnte sie ihm an einem Abend anbieten, mit ihm zu träumen, und am nächsten Morgen nicht verstehen, dass er sie vermisste, als er morgens aufgewacht war? Und was war so schlimm daran, dass er wissen wollte, wo sie gewesen war?Er nahm die Tasse, die vor ihm auf dem Küchentisch stand, und feuerte sie gegen die Wand, wo sie in tausend Stücke zerschellte.Doch das half nicht. Die Gedanken waren immer noch da. Kristian versuchte, sich zu erinnern, wie es war, als sie sich kennengelernt hatten. Wie sehr geliebt und verstanden er sich gefühlt hatte. War es möglich, dass Nadja die ganze Zeit über nur mit ihm gespielt hatte? Oder hatte er sich viel zu viel eingebildet?

Mit einem lauten Krachen flog die nächste Tasse an die Wand.

Kristian saß eine Weile da und starrte auf die Scherben. Dann gab er sich einen Ruck, holte Schaufel und Besen aus der Kammer, und begann damit, den Unrat zusammenzufegen.

Dann zog er sich an. Er hatte gerade beschlossen, Nadja auf ihrer Mühle zu besuchen. Er musste noch einmal mit ihr reden – entweder würde alles wieder in Ordnung kommen, oder sie würden einen Schlussstrich unter diese schmerzvolle Angelegenheit ziehen.

Auf dem Weg zum Dorf hinaus kam ihm in einiger Entfernung eine ihm vage bekannte, humpelnde Gestalt entgegen. Als Kristian noch näher kam, erkannte er, dass es Georg war.

“Guten Morgen!” rief Georg.

“Guten Morgen”, grüßte Kristian zurück. “Was hast Du mit Deinem Bein angestellt?”

Georg zuckte mit den Schultern. “Ich habe keine Ahnung… gestern früh war es einfach so…”

“Nun… das wird sicher wieder in Ordnung kommen”, sagte Kristian, dem nicht mehr dazu einfiel.

“Ich denke auch… aber was ist mit Dir los? Du bist sehr blass…”

Diesmal zuckte Kristian mit den Schultern. Er war sich nicht sicher, ob er Georg die ganze Geschichte erzählen sollte, vor allem, weil er annahm, Georg mit seinen Problemen allmählich auf den Nerv zu gehen. Auf der anderen Seite hatte Georg für Kristian immer ein offenes Ohr, und gerade jetzt konnte er das mehr als sonst brauchen.

“Ich hab mich mit Nadja gestritten… ich glaube, aus uns beiden kann nicht mehr viel werden. Ich bin auf dem Weg zu ihrer Mühle, um noch mal mit ihr zu reden…”

“Aber wie kann das sein?” unterbrach Georg. “Ihr wart doch so glücklich miteinander, richtig neidisch hätte man werden können…”

“Das war”, entgegnete Kristian. “Irgendwie ist alles anders geworden.”

“Wie kam es dazu?” wollte Georg wissen.

“Möchtest Du das wirklich hören?” fragte Kristian.

“Ja doch, sonst würde ich Dich nicht fragen.”

“Gut – aber dazu muss ich Dich auch erst etwas fragen… etwas Ungewöhnliches.”

Georg nickte.

“Du brauchst auch nicht zu antworten, wenn es Dir unangenehm ist.”

Wieder nickte Georg.

“Gut. Meine Frage ist, Georg, hast Du schon einmal geträumt?”

Georg blickte seinen Freund mit großen Augen an. “Nein! Natürlich nicht… wie käme ich denn dazu?” antwortete er, beinahe schon ärgerlich, dass Kristian ihm so etwas unterstellte.

“War nur eine Frage….”, sagte Kristian leise.

“Moment…”, sagte Georg, dem allmählich dämmerte, warum Kristian diese Frage gestellt hatte, ebenso leise, “…hast Du etwa…?”

Kristian nickte. “Ja, das habe ich”, antwortete er. Und er erzählte Georg von dem Abend, und wie Nadja ihn gefragt hatte, ob er mit ihr zusammen träumen möchte.

Georg nickte, aber es war ihm deutlich anzusehen, dass er einigermaßen schockiert darüber war, was Kristian ihm erzählte.

“Kannst Du Dich erinnern, was Du geträumt hast?” fragte er.

“Nicht richtig… ich weiß, es war alles anders… und anstrengend… aber ich… ich…”

“Gut… so genau will ich’s auch gar nicht wissen”, unterbrach Georg.

“Findest Du das jetzt sehr schlimm?” fragte Kristian.

Georg schüttelte mit dem Kopf, doch Kristian merkte deutlich, wie bedenklich Georg das alles fand.

“Nein, nicht so sehr… ich finde nur, Du solltest aufpassen, was ihr da zusammen tut…”

“Nun ja… so wie’s aussieht, tun wir gar nichts mehr zusammen”, sagte Kristian knapp.

“Rede mal mit ihr… mal sehen, was dann wird”, erwiderte Georg und schenkte Kristian ein aufmunternd gemeintes Lächeln, das seine tiefe Besorgnis darüber, dass sein Freund träumte, nicht zu tarnen vermochte.

Bald war Kristian weiter auf dem Weg zur Mühle. Er war eine Weile am Fluss entlanggelaufen, bis er in der Ferne die Umrisse des Gebäudes ausmachen konnte. Er hatte Nadja noch nie dort besucht – alles, was er wußte, war, dass ihr die Mühle sehr wichtig war und dass sie dort mehr Zeit verbrachte als mit ihm zusammen.

Als er näher kam, konnte er das kaum noch glauben. Denn schon aus einiger Entfernung war ihm vollkommen klar, dass die Mühle seit einiger Zeit nicht mehr benutzt wurde. Dort, wo die Mühlräder in den Fluss ragten, hatte sich eine Menge Treibgut angesammelt – jede Menge Geäst, Hölzer und sogar Teile von dicken Baumstämmen. Beinahe alle Fensterscheiben waren gesplittert, einzelne Fenster waren mit Brettern zugenagelt, und im Dach fehlten so viele Ziegel, dass der nächste Gewittersturm wohl die halbe Mühle wegtragen würde.

Aus dem Inneren der Mühle drang kein Geräusch – und auch ansonsten war es an diesem Platz sehr still. Eine Weile stand Kristian da und schaute sich um. Schließlich gab er sich einen Ruck und lief die kleine Treppe hinauf zur Eingangstür. Entschlossen klopfte er an.

Doch es geschah nichts. Niemand öffnete ihm.

Kristian trat ein wenig zurück. “Nadja!” rief er.

Nichts, keine Antwort.

Er lief wieder zur Tür und drückte zaghaft die Klinke nach unten. Zu seiner Überraschung war die Tür nicht verschlossen.

Vorsichtig trat er ein. Er befand sich in einem großen Raum. Ein Tisch stand in der Mitte und vier Stühle um ihn herum. Auf dem Tisch stand eine schwach flackernde Kerze, die, so wurde Kristian bewusst, noch nicht lange brennen konnte – denn noch nicht viel Wachs war an ihr heruntergelaufen. Ansonsten war der Raum leer, Türen führten in weitere Räume der Mühle und in der Ecke befand sich eine Holztreppe, über die man wohl in das Obergeschoß gelangte.

“Hallo?” rief Kristian in die Stille. Als sich abermals nichts regte, war er sich sicher, vollkommen allein zu sein.

Und einsam.

Er setzte sich auf einen der Stühle an den Tisch und wärmte seinen kalten Hände ein wenig an der Kerzenflamme.

Plötzlich hörte er, wie jemand die Treppe herabstieg.. Er wirbelte herum und starrte auf den oberen Treppenabsatz.

Es war Nadja.

“Kristian!” rief sie, offensichtlich erfreut.

Er stand auf, Nadja lief eilig die Treppe herunter.

“Schön, Dich zu sehen”, sagte Nadja. “Was führt Dich her?”

“Ich wollte nicht, dass es auf diese Art und Weise endet”, erklärte Kristian. “Ich wollte noch mal mit Dir reden und…”

“Wer spricht denn von enden?” fragte Nadja. “Komm, wir setzen uns.”

Sie setzten sich einander gegenüber an den Tisch.

Kristian wußte nicht, was er sagen sollte. Für ihn war es heute morgen wirklich schlimm gewesen – für Nadja anscheinend überhaupt nicht.

“Nadja… ich weiß nicht, irgendwie habe ich schon die ganze Zeit über das Gefühl, dass Du mich nicht mehr wirklich liebst… und dass ich Dir nicht wirklich wichtig bin”, sagte er schließlich.
Nadja lächelte ihn an. “Das stimmt doch gar nicht. Du bist mir wichtig, sehr wichtig sogar. Aber andere Dinge sind mir auch wichtig… da musst Du eben durch.”

Kristian nickte. “Das verstehe ich”, log er. Was Nadja dazu bringen konnte, beispielsweise einen wunderschönen, sonnigen Sonntag statt mit ihm auf einer leeren Mühle zu verbringen, konnte er nicht verstehen. Aber er wollte auf Nadja nicht länger den Eindruck machen, als ob er sie unbedingt bräuchte, wenn sie ihn doch gar nicht zu brauchen schien.

“Ich würde nur auch gerne verstehen, was hier eigentlich vorgeht…”

“Das wirst Du auch noch…”, sagte Nadja, setzte sich auf Kristians Schoß und umarmte ihn.

“Wie wäre es, wenn ich heute Abend bei Dir vorbeikomme?”

“Das wäre sehr schön”, antwortete Kristian leise.

“Kannst Du Dich erinnern, was Du geträumt hast?” fragte Nadja.

Kristian grübelte nach. Er hatte kaum noch eine Erinnerung an seinen Traum.

“Ich weiß es nicht mehr… ich weiß nur, dass wir uns nicht getroffen haben”, erklärte er.

“Das konnten wir nicht… ich habe ja noch keine Ahnung, wo Du bist”, sagte Nadja.

“Aha.”

“Willst Du noch einmal träumen?” fragte Nadja.

“Warum ist es für Dich so wichtig, dass ich träume?”

“Wenn Du noch einmal träumst, dann kannst Du Dich besser daran erinnern… und mir vielleicht sagen, wo Du warst. Dann weiß ich im nächsten Traum, wo ich Dich suchen muss…”

“Ich will eigentlich nicht träumen”, gestand Kristian. “Ich hätte viel lieber, dass es wieder so wird, wie am Anfang. Ich würde mich gerne wieder fallen lassen können und einfach verliebt sein…”

“Aber das wirst Du”, sagte Nadja. “Wir werden uns treffen und zusammen träumen, und es wird wunderschön werden.”

“Gut… heute nacht?” fragte Kristian.

“In Ordnung”, sagte Nadja mit einem Lächeln und gab Kristian einen langen, innigen Kuss.

Das gleiche Zimmer, das gleiche Bettlaken, ein Krug mit Wasser an der Seite. Doch diesmal konnte sich Kristian besser daran erinnern, was geschehen war, bevor er zu träumen begonnen hatte. Er sah noch deutlich Nadja vor sich, wie sie ihn schüttelte und anschrie. Es war zwar schwer, aber er konnte sich auch an die Mühle und sein Gespräch mit Georg erinnern.

Diesmal stand er gleich auf und ging hinaus zu den anderen, um noch eine Portion Hirsebrei abzubekommen. Noch während er hinausging, wurden die Erinnerungen schwächer. Als er sich schließlich zu den anderen dreien gesetzt hatte, um seine kärgliche Mahlzeit einzunehmen, war von seinen Erinnerungen kaum noch etwas übrig.

Draußen, auf der lehmigen Straße, hatte Kristian das Gefühl, dass es noch kälter geworden war. Der Himmel war eine milchige Suppe ohne Blau, und ein steifer Wind wehte durch das Dorf.

Kristian achtete nicht viel auf die anderen Menschen in der Straße, doch ein Mann fiel ihm auf.
Er saß an eine hölzerne Häuserwand gelehnt an der Straße und schaute trostlos vor sich hin. Er trug auch ein Leinenkleid, aber als Kristian seine ausgestreckten Beine betrachtete, stellte er fest, dass von seinem einen Bein die Hälfte fehlte – es war unterhalb seines Knies anscheinend abgehackt worden.

Obwohl er einen starken Drang spürte, einfach weiter zu gehen und die geplagte Kreatur ihrem Schicksal zu überlassen, blieb Kristian kurz stehen.

“Was ist passiert?” fragte er.

Der Mann schaute zu ihm auf. “Was geht’s Dich an?” fragte er.

Kristian nickte. Was ging es ihn an? Sollte der Mann doch hier verrecken, es war nicht sein Problem.

Kristian holte den kleinen Abstand zu den anderen Dreien schnell auf und lief schließlich mit ihnen zur Werkzeughütte um sich auszurüsten – und dann zum Dorf hinaus in die Minen.

Die Arbeit dort war anstrengend und machte Kristian sehr müde. Dennoch bemerkte er bei der Rückkehr ins Dorf, dass der Mann mit dem halben Bein noch immer an der selben Stelle saß. Er sah inzwischen noch elender aus und machte sich keine Mühe, die Fliegen zu verjagen, die um den Stumpf, der von seinem linken Bein noch übrig geblieben war, umherschwirrten.

Dieses Mal jedoch war er Kristian vollkommen egal. Er wollte seinen Hirsebrei essen und sich dann hinlegen.

Als Kristian aufwachte, stellte er lächelnd fest, dass Nadja noch immer neben ihm lag.

“Erzähl’s mir”, sagte sie.

“Ich… ich war in einem Dorf… es war entsetzlich kalt, und… und… wir arbeiteten, wir arbeiteten, aber ich weiß nicht mehr… ich weiß nicht mehr was, es war anstrengend…”

“Kannst Du das Dorf näher beschreiben? Gab es dort eine Straße?”

“Ja… da war eine lange Lehmstraße… es gab eigentlich nur diese eine Straße…”

“Und gab es am Dorfausgang eine Weide und einen großen Felsen darunter?”

“Ja… woher… woher weißt Du?” fragte Kristian ungläubig.

“…und Du bist durch den Wald hindurch zum Gebirge gelaufen, um dort zu arbeiten…” sagte Nadja.

Kristian schaute sie mit großen Augen an.

“Woher kannst Du das nur wissen?”

“Ich weiß, wo Du warst. Wenn Du heute Nacht wieder träumst, komme ich Dich besuchen.”

4.

Als sich Kristian diesen Abend mit Georg in der Kneipe treffen wollte, kam Georg später als sonst. Humpelnd bahnte er sich einen Weg durch die Menge und setzte sich schließlich Kristian gegenüber auf die Bank. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass ihm etwas große Sorgen machte.

“Hallo Georg, was ist los?” fragte Kristian.

“Hallo Kristian!” sagte Georg. “Ich hab mir noch einmal Gedanken gemacht… über Dich und über Nadja”, Georg senkte seine Stimme, “und über Träume.”

“Aha”, sagte Kristian. “Und was ist dabei herausgekommen?”

“Ich habe ein ziemlich ungutes Gefühl bei der ganzen Geschichte”, antwortete Georg. “Du solltest gut auf Dich aufpassen.”

Kristian sagte nichts. Er wartete, bis Georg weiter sprach.

“Ich weiß es klingt für Dich sehr böse, aber bist Du schon einmal auf die Idee gekommen, dass Nadja ein falsches Spiel mit Dir spielen könnte?”

“Sie weiß auf jeden Fall viel mehr über Träume als ich”, gab Kristian zu. “Aber ich finde es inzwischen sehr schön, dass sie so etwas Außergewöhnliches mit mir teilen will…”

“Ja, das fanden die anderen Männer davor vielleicht auch…” rutschte es Georg raus.

“Was willst Du damit sagen?” fragte Kristian.

“Mensch Kristian, verstehst Du denn nicht? Sie macht irgendetwas mit Dir… und Du bist so verliebt, dass Du es nicht merkst.”

“Das glaube ich nicht.”

“Weißt Du noch, wie Du bei mir darüber geklagt hast, dass ihr kaum noch zusammen Liebe macht? Weißt Du noch, wie schlimm es für Dich war, dass sie in Gedanken die ganze Zeit auf ihrer Mühle war, statt in Dich verliebt?”

“Ja.”

“Und jetzt? Schläft sie wieder mehr mit Dir? Reitet ihr wieder aus? Geht ihr zusammen fischen?”

Kristian verneinte.

“Warum ist es dann jetzt plötzlich so wichtig für Dich, dass Du mit ihr träumst?”

“Weil ich hoffe, ihr damit wieder nahe zu sein… und weil es das Einzige ist, was wir im Moment haben”, sagte Kristian wütend, denn dies war die Wahrheit, und es tat ihm weh, die Wahrheit sagen zu müssen.

Georg schwieg schüttelte traurig den Kopf.

“Georg… ich fange gerade zum ersten Mal seit Wochen wieder damit an, mich einigermaßen gut zu fühlen… bitte mach mir das jetzt nicht madig.”

“Du merkst ja gar nicht, was mit Dir geschieht”, sagte Georg.

“Und Dich geht es nichts an.”

Georg schenkte Kristian einen stummen, bösen Blick.

“Ich denke, ich gehe jetzt besser… das hier führt zu nichts”, sagte er nach ein paar Minuten. Er stützte sich am Tisch ab, weil er nicht auf sein Bein stehen konnte.

“Wie Du meinst… was ist mit Deinem Bein?”

“Was geht’s Dich an?” fragte Georg und verschwand durch die Menge.

Kristian konnte es kaum erwarten, Nadja in seinem Traum zu begegnen. Als sie sich zu Bett begaben, brauchte er gar nicht viel von Nadjas Hilfe, um nicht einfach einzuschlafen. Nadja hielt ihn zwar umarmt und drückte ihn so fest an sich, dass es ihm wehtat, aber diesmal, so hatte er das Gefühl, schaffte er es allein.

Noch mehr als letztes Mal nahm er die Erinnerungen an sein Wachsein in den Traum mit. Als er hinausging, um mit den anderen zusammen den Hirsebrei zu essen, begann er nur ganz langsam zu vergessen, wo er vorher gewesen war.

Als er den Hirsebrei aß, fiel ihm auf, wie wässerig und schal die Speise schmeckte. “Immer dieser widerwärtige Brei…”, murmelte er.

Die anderen drei Männer blickten kurz auf und grunzten etwas Unverständliches. Dann aßen sie weiter. Es schien ihnen nichts weiter auszumachen, dass ihr Frühstück wie Tierfutter schmeckte.
Als sie schließlich zu viert die Straße hinunterliefen, fiel Kristian wieder die erbärmliche Gestalt auf, die noch immer an der Häuserwand lehnte. Ein beißender Geruch von verwesendem Fleisch lag in der Luft. Der Drang, weiterzugehen, war noch vorhanden, aber er war lange nicht so stark wie beim letzten Mal.

Kristian trat näher an den Mann heran. Eine ganze Weile lang war er sich nicht sicher, ob der Mann überhaupt noch lebte. Sein Kopf hing auf seiner Schulter, seine Arme waren ausgestreckt, die dünnen Finger von der Kälte bläulich verfärbt. Kristian erschrak in den Tod hinein, als der Mann schließlich die Augen öffnete und ihn direkt anblickte.

“Du schon wieder”, röchelte er, kaum vernehmlich.

“Ja…”, sagte Kristian.

“Lass mich doch einfach hier sterben, es dauert nicht mehr lange”, röchelte der Mann.

“Aber…”

“Geh schon und lass sie ihr Spiel mit Dir spielen, das willst Du doch.”

Kristian schaute ihn entsetzt an.

Mit einem Mal war ihm klar, wen er getroffen hatte.

“Georg?” fragte er, die Stimme voller Entsetzen.

“Ja, das ist mein Name… und Du bist Kristian…”

“Woher… aber wie…” stammelte Kristian.

“Ich habe von Dir geträumt”, sagte Georg mit Verachtung in seiner Stimme. “Ich will nicht, dass Du mir beim Sterben zusiehst, verschwinde!”

Kristian lief rückwärts, wandte sich dann schnell ab und lief so schnell er konnte den anderen hinterher. Er hatte mit einem Mal nur noch den Wunsch, sein Werkzeug zu holen und im Bergwerk zu arbeiten.

Er sammelte sein Werkzeug ein und schulterte den Rucksack. Doch als er das Dorf verlassen wollte, musste er feststellen, dass dort unter der Weide am Felsen eine weitere Gestalt in Leinenkleidern auf ihn wartete. Es war eine Frau – die erste, die er hier sah. Ihre Stirn war von Falten zerfurcht und ihr Rücken war leicht gekrümmt. Ihr schwarzes Haar war dünn und ungepflegt, aber trotzdem sah sie gesünder und gepflegter aus als alle anderen, die er hier angetroffen hatte.

“Nadja?” fragte er.

Die Frau nickte.

“Du musst mit mir kommen, Kristian”, sagte sie. “Geh heute nicht mit ins Bergwerk – sie werden Dir dann nichts zu essen geben, aber ich kenne einen Platz, wo Du Dich ausruhen und essen kannst.”

“Aber ich kann doch nicht einfach wegbleiben, ich muss arbeiten…”

“Du musst nicht. Du kannst mit mir kommen…”

“Ich will aber nicht.”

“Bitte, Kristian”, sagte Nadja und nahm Kristians Hand. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass ihn hier noch nie jemand berührt hatte. Und so wie Nadja ihn berührte, kam es ihm vor, als hätte ihn überhaupt noch nie jemand berührt.

“In Ordnung”, sagte Kristian und ließ sich von Nadja aus dem Dorf herausführen. Sie liefen in den Wald, verließen dann aber irgendwann den Weg und schlugen sich durchs Unterholz.

“Werden uns die anderen nicht folgen?” fragte Kristian.

“Nein, sie interessieren sich nicht für uns”, entgegnete Nadja.

“Ich bin froh, dass Du da bist”, sagte sie nach einer Weile.

“Ich habe Georg getroffen”, sagte Kristian.

Nadja blieb stehen.

“Was?!”

“Ich hatte ihn vorher schon getroffen…” sagte Kristian traurig und erzählte, wie er vorhin und im letzten Traum den verletzten Mann getroffen hatte.

Nadja schaute Kristian sehr traurig an. “Es tut mir sehr leid…” sagte sie. Einen Moment lang blieben die beiden stehen. “Komm, wir müssen weiter”, sagte Nadja dann.

Sie liefen weiter mitten durch den Wald. Es war ein beschwerlicher Marsch. Schließlich kamen sie an einen Fluss, an dessen Ufer sie fortan entlang wanderten.

“Wo gehen wir hin?” fragte Kristian.

“Nach dort”, antwortete Nadja und zeigte mit dem Finger weiter flussaufwärts. Als Kristian die Augen zusammenkniff, konnte er erkennen, dass in der Richtung, in die Nadja zeigte, eine Mühle stand.

“Ich war dort schon einmal, oder?”, fragte Kristian.

“Ja”, antwortete Nadja.

Als sie an der Mühle ankamen, gab es für Kristian keinen Zweifel, dass dies dieselbe Mühle war, in der er Nadja in wachem Zustand besucht hatte. Zwar bewegten sich dieses Mal die Mühlräder, aus dem Schornstein zog Qualm und die Fenster waren allesamt intakt – trotzdem war es dieselbe Mühle.
Nadja klopfte an die Tür.

“Wer ist draußen?” fragte von drinnen eine Männerstimme.

“Ich bin’s, Nadja. Und ich habe Kristian dabei!”

Die Tür wurde von einem kräftigen Mann geöffnet, der gut und gern einen Kopf größer und doppelt so breit wie Kristian war. Er schien am ganzen Körper behaart zu sein, denn Kristian konnte erkennen, wie aus dem Ausschnitt seines Leinenhemdes oben die Haare herausquollen.

“Willkommen, Kristian! Ich bin Bertram!” sagte er und schüttelte Kristian kräftig die Hand.

“Hallo”, sagte Kristian zögernd und trat ein.

Drin war es gemütlich eingerichtet – Stühle, ein Tisch, ein Feuer im Kamin, Teppiche und Öllampen an der Wand. Drei andere Männer saßen am Tisch und unterbrachen ihre Unterhaltung, als Nadja und Kristian eintraten. Sie nickten den beiden freundlich zu. Einer von ihnen sagte “Hallo, Kristian”.

“Komm, wir gehen nach oben, da sind wir ungestört”, sagte Nadja und führte Kristian die Treppe hinauf, dann durch einen Gang in ein kleineres Zimmer. Nadja schloss die Tür hinter sich und bedeutete Kristian, sich auf einen der Stühle zu setzen.

“Ich bin so froh, dass ich Dich endlich hier habe”, sagte sie, setzte sich ihm gegenüber und zündete die Kerze an, die auf dem Tisch stand.

“Wo sind wir?” fragte Kristian.

“Auf der Mühle. Hier lebe ich”, antwortete Nadja lächelnd.

Kristian nickte.

“Und wo lebe ich?” fragte er ruhig.

“Du lebst nicht. Du arbeitest Dich im Bergwerk mit den anderen zusammen zu Tode… aber wenn Du willst, dann kannst Du auch hier leben”, sagte Nadja ebenso ruhig und schaute Kristian dabei tief in die Augen.

Wieder nickte Kristian. 


“Wenn ich wieder aufwache, was wird dann mit Georg passiert sein?”

Nadja schüttelte traurig den Kopf. “Nach allem, was Du mir erzählt hast, wird er diesen Tag nicht mehr überleben…”

“Aber es ist doch ein Traum… wenn ich wieder aufwache…”

“…wird Georg verschwunden sein und nie wieder auftauchen. Wer im Traum stirbt, der verschwindet”, sagte Nadja.

Kristian atmete tief durch. “Warum hilft ihm denn niemand?” fragte er.

“Weil er ihnen allen egal ist. Weil sie alle noch nie geträumt haben. Erst wenn Du träumst, fängst Du an, Dich für die anderen zu interessieren. Hättest Du vorher schon geträumt gehabt, hätten wir uns vorher schon getroffen gehabt, dann hätten wir vielleicht etwas für ihn tun können… es tut mir sehr leid.”

Kristian starrte abwesend in das Kerzenlicht.

“Sind Deine Ex-Gefährten auch gestorben?” fragte er.

“Nein”, sagte Nadja.

“Nein?” fragte Kristian.

“Nein, sie sitzen unten am Tisch, und sie freuen sich darauf, Dich kennenzulernen.”

Kristian schluckte. “Dann hatte Georg recht”, sagte er tonlos.

“Was meinst Du?” wollte Nadja wissen.

“Du liebst mich nicht wirklich, Du wolltest mich nur in diesen Traum holen, so wie die anderen auch.”

“Ja, ich wollte Dich zu mir holen. Aber Du bist und bleibst etwas ganz Besonderes für mich… und ich liebe Dich… und ich fände es schön, wenn Du bei mir bleiben würdest”, sagte Nadja.

Kristian schloss die Augen. Mit einem Mal war alles anders geworden. Er fühlte sich ganz ruhig, er hatte keine Fragen mehr.

Als Kristian am nächsten Morgen erwachte, lag Nadja nicht mehr neben ihm – sie war nicht mehr da. Soweit es ihn betraf, war sie genau so nicht mehr da, wie Georg heute Abend nicht mehr da sein würde – und so, wie er selbst eines Tages nicht mehr da sein würde.

Er würde sie nicht suchen und er würde auch nicht mehr träumen. Er würde sich nur wünschen, sich irgendwann wieder so fallen lassen zu können, wie er es bei Nadja gekonnt hatte – doch das würde nicht geschehen.

Und er musste lernen, damit zu leben.

(Heidelberg/Tübingen, Herbst 1999)

3 thoughts on “Nadja

  1. Volker

    Es war spät und ich wär gern ins Bett aber es ging nicht,ich mußte bis zum Ende lesen.
    Das ich nicht ins Bett bin sagt alles!
    Und morgen werde ich mal nach der Musik schauen oder doch gleich?
    Ich wollte doch aber endlich schlafen….

    Reply

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