Author Archives: Herr K.

History Repeating

History Repeating

Ich muss etwas gestehen. Vor drei Jahren, als ich mehr oder weniger gezwungenermaßen dieses Blog eröffnete*, hatte ich lange vorher ausgiebig mit dem Gedanken gespielt, stattdessen einfach einen tumblr-Account aufzumachen und dort zu photobloggen.

Aber dann sagte irgendeine Stimme in mir “Nee, Stephan, tu das nicht. Weisst Du noch wie das damals bei flickr war? Das brauchst Du nicht noch mal”.

Und heute ist es tatsächlich so weit. Yahoo kauft tumblr. Verdammt, ich sollte auf solche Sachen spekulieren statt mit ehrlicher Arbeit mein Geld zu verdienen.

Tja, yahoo, ich meine das jetzt nicht böse, und ich kann tatsächlich mit Dir mitfühlen. Du möchtest wieder jung und cool sein, und dazu gehören. Und die Aktionäre beruhigen. Nur, erinnerst Du Dich, was Du aus flickr gemacht hast? Und, darf ich Dich darauf hinweisen, dass ein nicht unbedeutender Teil der auf tumblr geteilten Inhalte nicht nur vermeintlich sondern tatsächlich im wahrsten und treffendsten Sinne des Wortes pornographisch sind? Hach ja, das dürfte spannend werden.

Das Bild oben, “Through Shadow Into Light”, war übrigens anno 2004 eines der ersten Bilder, die ich auf (damals noch nicht yahoo-) Flickr veröffentlichte, bevor mein gesamter Account nach der Übernahme genullt wurde und ich mir einen neuen erstellen durfte… und nein, damals gab’s noch keine content filter bei flickr, aber das ist eine lange Geschichte, und sie ist schon lang vorbei…

 


* Der geneigte Leser mag sich vielleicht erinneren: ipernity hatte gerade seine homophobe Seite entdeckt (nachdem man vorher schon kreuz und quer großartige Künstler rauszensiert hatte), bei flickr gab man sich nach der Übernahme durch yahoo  päpstlicher als der Papst, und über die fotocommunity möchte ich in meinem Blog nicht wirklich allzu ausführlich reden, sonst muss ich es die ganze nächste Woche neu weihen…

Rant

Rant

So, Wetter, jetzt hör mir mal verdammt gut zu.

Weisst Du, was das da oben ist? Richtig, das ist eine fotografische Dokumentation davon, wie es bei uns vor genau einem Jahr aussah.

Die Magnolien blühten, man saß abends mit einem Fläschchen Rotwein draussen, beobachtete den goldenen Sonnenuntergang, und später, wenn die Temperaturen so gegen Sechs Uhr abends unter 15 Grad fielen, machte man ein Feuerchen an und schaute dem Tanz der Flammen zu.

Und auch ansonsten war eigentlich so ziemlich alles in Butter. Ich hatte meinen alten Job, der mich die letzten zwei Jahre nur noch maßlos angeödet und deprimiert hatte, endlich gekündigt, und ich war aus meiner alten Wohnung, die mich die letzten fünf Jahre nur deprimiert und maßlos angeödet hatte, endlich ausgezogen. Und sowohl der neue Job als auch die neue Wohnung waren eine circa zweitausendprozentige Verbesserung.

Naja, Wetter, wie wir beide wissen, blieb es nicht so. Ich habe zwar immer noch meine schöne Wohnung und meinen tollen Job (und nach wie vor die tollste Frau K. die man sich vorstellen kann), aber so ziemlich alles andere wurde ganz extrem Scheisse. Mein Vater hatte im August zwei Schlaganfälle, und ich musste ihm, ohne noch einmal mit ihm reden zu können, vier Monate lang beim Sterben zusehen, ehe er im Dezember endlich erlöst wurde. Und den einzigen Trost, den ich im Winter hatte, war, dass im Frühjahr wieder die Sonne scheinen würde, und dass wir spätestens zu Ostern wieder draussen sitzen und all die Dinge machen würden, die schon letztes Jahr um die gleiche Zeit unsere Seelen geheilt hatten.

Dummerweise hatte ich die Rechnung ohne Dich gemacht, Wetter.

Und ich mein’ das schon lange nicht mehr lustig. Ehrlich nicht. Du kannst es Dir in Deinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen, Wetter, wie sehr Du mir auf dem Nerv gehst.

Mit der seit Monaten ewig gleichen, kalten Milchsuppe da draußen, die sich in die Knochen frisst und sich über die Seele legt wie eine kalte, nasse Decke.

Mit der Art und Weise, wie Du jeden positiven Gedanken im Keim erstickst, indem Du zusätzlich zum eiskalten Wind ab und an noch ein bisschen Schnee und Graupel vorbei schickst und dafür sorgst dass die Magnolien draussen erfrieren bevor sie die Chance zum Blühen kriegen.

Mit dem grauen, kalten, undurchdringlichen Vorhang, den Du vor die Sonne stellst, und hinter dem man sie allenfalls als matte, milchige Scheibe ausmachen kann, als Spottbild dessen, was sie eigentlich sein sollte, und was ich mir so sehr wünsche.

Ehrlich, Wetter, Du nervst wie Hupe. Du bist ein ganz großes Oberarschloch. Es ist nicht mehr lustig, was Du da veranstaltest, im Gegenteil. Es ist so richtig zum Kotzen, und es ist genug jetzt.

Hör’ endlich damit auf, Du blöde Sau.

Die Brücke

Die Brücke

 

Als ich noch ein kleines Kind war, ging mein Großvater oft mit mir im Weiherwald spazieren. Der Weiherwald war (und ist noch immer) ein mittelgroßes von Seen und Flüssen durchzogenes Waldstück im Karlsruher Stadtteil Weiherfeld, und war von unserem alten Hexenhäuschen aus bequem zu Fuß zu erreichen.

Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als wir eines schönen Sommertags wieder einmal einen unserer Spaziergänge machten und dabei bemerkten, dass die alte, morsche und gefährliche Holzbrücke durch eine funkelnagelneue, dunkelbraun lackierte Holzbrücke ersetzt worden war.

“Schau mal, sie haben die Brücke neu gemacht”, sagte mein Großvater, “komm, das schauen wir uns an!”

Gesagt, getan, zusammen bestaunten wir die neue Brücke und machten langsam uns an den Überweg. Ich sehe ihn noch genau vor mir, als ob es nicht vor 35 Jahren sondern gestern gewesen wäre – meinen Großvater mit seinem braunen Lederhut mit der breiten Krempe und seinem Spazierstock.

Plötzlich hielt er unvermittelt inne. “So eine Sauerei”, entfuhr es ihm, während er auf das breite und wuchtige hölzerne Geländer der Brücke starrte. Dort hatte irgend jemand offensichtlich nicht mehr als wenige Tage zuvor (länger gab es die Brücke noch nicht) ein Hakenkreuz eingeritzt.

Der Grund, dass ich diese Geschichte jetzt aufschreibe, ist, dass ich mich wohl ewig ganz genau daran erinnern werde, was als nächstes passierte. Denn mein Großvater, sonst nicht der übermäßig aktive Mensch, nahm seinen Spazierstock und begann, mit der metallischen Spitze das Hakenkreuz in ein Rechteck mit einem Kreuz darin zu verwandeln.

“Was machst Du denn?” wollte ich wissen.

“Ich mache das Hakenkreuz kaputt”, antwortete mein Großvater.

“Aber warum denn?”

“Das ist ein ganz böses Zeichen. Ein widerliches und gemeines Zeichen”, sagte er, während er mit frenetischem Eifer die Brücke bearbeitete.

“Warum ist das Zeichen böse?” fragte ich.

“Das war das Zeichen der Nazis”, erklärte mein Großvater. “Die Nazis waren ein ganz großer Haufen Schwerverbrecher. Die haben Millionen von Menschen getötet und vertrieben… und einen Krieg veranstaltet in dem noch viel mehr umgekommen sind… und ich beinahe auch…”

“Aber warum hat sie niemand aufgehalten? Warum hat niemand die Polizei gerufen?”

Mein Großvater drehte sich zu mir um und schaute mich ernst an, die Hand noch immer am Spazierstock, mit dem er die Brücke bearbeitete. Schweißperlen rannen an seiner Stirn herunter, und ich werde diesen Blick ebenso wie seine Antwort und alles andere nicht vergessen.

“Die waren die Polizei.”

Ich muss wohl einigermaßen entsetzt geschaut haben, denn mein Großvater fuhr sogleich fort: “Aber das ist lange her. Beinahe vierzig Jahre. Inzwischen ist alles anders.”

“Aber wenn das so lange her ist, warum hat dann jetzt jemand das Zeichen in die Brücke gemacht?” fragte ich.

“Der, der das gemacht hat, ist ganz einfach ein ganz großer Idiot”, sagte mein Großvater, “mehr nicht. Der war nicht dabei, hat es nicht mitgekriegt, hat in der Schule nicht aufgepasst und hat keine Ahnung was das Hakenkreuz wirklich bedeutet.”

Und damit nahm er seinen Spazierstock in die rechte und mich an die linke Hand, und wir setzten unseren Spaziergang fort.

Erst später erfuhr ich, dass mein Großvater zwei Weltkriege miterlebt hatte. Dass er im zweiten Weltkrieg in Kriegsgefangenschaft geraten war, aus der er 1948 mehr tot als lebendig zurückgekehrt war. Dass er Mitglied in der KPD gewesen war und deshalb an der Front verheizt wurde, dass er später Entschädigung beantragt hatte die ihm nicht bewilligt wurde, weil die KPD in Deutschland inzwischen verboten war. Und so weiter und so fort.

Und natürlich erfuhr ich später auch mehr über die Nazis – von meinem Großvater, im Geschichtsunterricht, in Büchern, in Filmen und an Gedenkstätten.

Tja, und heute bin ich nach langer Zeit wieder einmal an der Brücke vorbeigekommen. Inzwischen gibt es die Holzbrücke nicht mehr, und sie wurde durch ein Bauwerk aus Beton und blau lackiertem Stahl ersetzt, auf dem sich glücklicherweise keine Hakenkreuze befinden. Und irgendwie musste ich beim Überqueren der Brücke – und nachdem “Freiwild” (nee, ich weigere mich, den Bandnamen so zu schreiben wie die Band das gerne hätte) gerade die Teilnahme am “with full force” Festival abgesagt hat und die Band auf ihrer Facebook-Seite das missverstandene Opfer gibt und dafür von hunderten Fans bejubelt wird – daran denken, dass Faschismus keine Meinung ist, sondern ein Verbrechen… und an den Mann, der mir das zum ersten Mal klar machte.

Danke, Großvater.