Neues aus der Nazikneipe (oder: OCOLOY #20)

In letzter Zeit finde ich mich öfters in der Situation wieder, mich für meinen Ausstieg aus Facebook zu rechtfertigen.

Ich bin vor einiger Zeit raus, weil ich all den BesorgteBürger/Asylkritiker/Nazi/Vollpfosten-Hass nicht mehr länger ertragen konnte und wollte.

Wegschauen löst das Problem nicht“, ist ein Satz der dazu gerne fällt, und “es ist wichtig, diesen Leuten Widerstand zu bieten“.

Stimmt beides zu 100%. Und trotzdem ist es meiner Meinung nach auf Facebook nicht in dem Maße anwendbar wie auf die “richtige” Offline-Welt.

Tja, und da es in letzter Zeit wirklich gehäuft passiert, dass ich was dazu sagen muss, dachte ich mir, ich kann auch gleich was darüber bloggen.

Hinschauen löst das Problem leider auch nicht

Ich weiss, das ist fürchterlich bitter, aber die Verfehlungen und den Hass bemitleidenswerter Menschen per Screenshot zu dokumentieren, sich in Kommentaren darüber zu empören, solche Fälle zu sammeln, auf Twitter zu crossposten und Gleichgesinnte zu suchen die das auch alles ganz schlimm finden, das dämmt den Hass leider nicht ein.

Im Gegenteil sogar.

Ich fühle mich da ganz enorm an meine nicht-so-seligen Schulzeiten erinnert, wo ich in schöner Regelmässigkeit gemobbt und gehänselt wurde bis Tränen und/oder Blut flossen.

Wann immer ich zu den Lehrern ging und mich darüber beklagte (und diese natürlich ebenso regelmässig überhaupt nichts unternahmen weil sie hauptsächlich ihre Ruhe haben wollten), da ging es aus lauter Hass und Boshaftigkeit zehnmal so schlimm weiter wie vorher. Das liegt in der Natur des Pausenhof-Schlägers (und nicht anders fühlt sich der gemeine besorgte Bürger in seiner Facebook-Filterblase). Solange niemand mit harten und autoritären Methoden seinem Treiben Einhalt gebietet wird er Dir einfach wieder und wieder zeigen wo der Hammer hängt, und zwar vor allem dann und umso unerbittlicher, wenn Du es wagst, aufzumucken.

Auf Facebook ist es leider so ähnlich: Öffentlichkeitswirksam reden und schreiben Netzaktivisten und Politiker gegen die Facebook-Administration an, man müsse die “community standards” und das deutsche Grundgesetz strikter durchsetzen und Hassrede aus dem Netzwerk tilgen… nur um von Facebook gelangweilt den Mittelfinger gezeigt zu bekommen.

Trotz aller halbherziger Statements, man würde jetzt endgültig und vielleicht irgendwie ganz sicher mal was tun, tut Facebook ganz genau gar nichts – nach wie vor, heute wie vor einem Jahr.

Wer weibliche Nippel zeigt, der fliegt stante pede hochkant raus… aber wer schreibt, dass noch viel mehr brennen müsste als nur ein Wohnheim und irgendwas von Ehre und Treue in Frakturschrift salbadert und findet dass man Busse mit Flüchtlingen umschmeißen und dann anzünden muss und vielleicht als i-Tüpfelchen noch den Adolf gar nicht so schlecht fand, der hat ja was für die Menschen gemacht und so, der darf selbstverständlich bleiben, und auf Beschwerden über sein Tun reagiert Facebook wie eh und je mit jenem berühmten Textbaustein, der da besagt, dass kein Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards festgestellt werden kann, vielen Dank, einen schönen Tag noch.

Klar, dass unsere besorgten Bürger sich dann im Recht wähnen. Und bestätigt fühlen. Und in Folge noch zigmal schlimmer zurückschlagen, denn, um den Kreis zu schließen, dem Lehrer war’s ja erfreulicherweise schnurzegal ob das dumme Opfer weint und verletzt ist oder nicht. Also darf man wohl auch weiterhin mit Segen der vermeintlichen Obrigkeit Opfer heulen und bluten lassen. Auf sie mit Gebrüll!

Da könnt ihr tausendmal sammeln und empören und crossposten… es wird euch nix bringen, ausser dass Leute wie ich immer deprimierter mit dem Kopf schütteln und sich abgrundtief schämen, Deutscher zu sein. Glaubt doch bitte nicht, der braune Mob in seiner Facebook-Filterblasen-Schweinesuhle würde sich davon beeindrucken lassen, dass ihr empört seid und all den Hass und die Dummheit ganz arg dolle schlimm findet. Das ist ihm gerade recht. Der wird sich einzig und allein davon beeindrucken lassen, dass er kommentarlos rausfliegt, und das passiert nicht.

Obwohl das alles fürchterlich trist und hoffnungslos klingt, ich sehe wenigstens zwei Auswege aus dem Dilemma:

Facebook ist nicht die Welt

Glücklicherweise nicht. Ebensowenig wie die Bildzeitung repräsentativ für das Volksempfinden ist.

Facebook ist, so hat sich das in den letzten Monaten leider ergeben, der Platz, wo sich die Kotzmenschen sammeln können um Kotzmenschendinge zu tun, weil sie es ungehindert tun dürfen.

Facebook ist zur Nazikneipe geworden, einfach weil diese Leute dort geduldet, ermuntert und ermutigt werden.

Wenn ich weiss, dass es bei mir in der Stadt eine Kneipe gibt, wo sich die Nazis treffen, wo sie ihre Fackelmärsche planen, wo sie sich gegenseitig anfeuern und ihre sogenannten “Meinungen” austauschen, dann ist mein weiteres Vorgehen relativ klar: Ich frage (eventuell, falls mir der Platz irgendwann mal etwas bedeutete) den Geschäftsführer, ob er vielleicht mal was dagegen tun möchte. Und wenn der Geschäftsführer sagt: “Äääh… weisst Du… nöööö… lass mich in Ruhe…”, dann gehe ich da einfach nicht mehr hin.

Facebook ist nur ein (vermeintlich) kostenloser Service im Internet. Wer damit nicht zufrieden ist wie dieser Service administriert wird, der kann (und sollte!!!) gehen und sich einen anderen Service suchen. Es gibt gar nicht so wenige. Diaspora und Ello, ja, sogar Twitter… alles soziale Netzwerke mit keinem so großen Naziproblem wie Facebook. Und zumindest “Nischen”-Netzwerke wie Diaspora und Ello könnten viel größer und vielfältiger werden, wenn nicht alle auf Facebook wären. Und es gibt wirklich keinen Grund, dass alle auf Facebook sind.

Ich weiss, das mag für einige der jüngeren “Digital Natives” vollkommen unglaublich und ketzerisch klingen, aber Facebook ist nicht für immer und ewig. Ich bin schon ein bisschen länger im Netz unterwegs und habe Sachen wie Facebook kommen und gehen sehen (erinnert sich wer an myspace?)… das ist vollständig normal, und es wird auch bei Facebook nicht anders laufen. Meiner Meinung ist gerade jetzt ein Zeitpunkt, wo sich das Gefüge ändern könnte. Und wenn Facebook massenweise die Mitglieder abhanden kommen, dann wird man irgendwann in einer dringlichen Vorstandssitzung nach den Ursachen suchen. Erst dann.

Facebook ist ein Geschäft

Es ist nunmal so, dass wir im Kapitalismus leben, und dass Facebook ein Geschäft ist. Meiner Ansicht nach dürfte es so nicht sein, meiner Ansicht nach sollte “soziales Netzwerken” ein Protokoll im Internet sein, das jeder mit seinem Webbrowser ganz einfach peer-to-peer-mäßig ansteuern kann, so wie http ein Protokoll ist. Soziales Netzwerken darf meines Erachtens nach niemandem “gehören”.

Aber das nur nebenbei. Meine Ansicht interessiert hier nicht. Was viel mehr interessiert ist die Tatsache, dass Facebook nur etwas an seinem Verhalten ändern wird, wenn die Werbeeinnahmen den Bach runtergehen.

Wer also unbedingt auf Facebook bleiben möchte und über eine tumbe Nazi-Parole stolpert, der sollte vor allem folgendes tun:

  1. (falls vorhanden) seinen Adblocker abschalten, die Seite neu laden, und schauen, welche Werbung darauf angezeigt wird.
  2. Einen Screenshot von der Seite + Werbung machen
  3. Die Werbetreibenden anschreiben. Mit einer Nachricht nach dem Motto: “Hey, schaut mal, Facebook schaltet eure Werbung neben Naziparolen / Rassismus / Fremdenfeindlichkeit. Das kann euch doch nicht recht sein, oder? Ich werde euer Produkt auf jeden Fall nicht mehr kaufen”

Wenn das auch nur 1000 Leute machen würden… jede Wette, innerhalb weniger Wochen hätten wir von Facebook die Kehrtwende und eine spezielle Einsatztruppe, nur dafür geschaffen, Kotzmenschen in Nullkommanix aus Facebook rauszuschmeißen und ihre Hasspostings zu löschen.

Ja, Werbeeinnahmen im Internet sind so mächtig, wirklich.

Facebook ist wirklich wirklich wirklich wirklich nicht die Welt

Als ich meinen Facebook-Account löschte, da fiel mir das ziemlich schwer.

Ich dachte, ich würde was verpassen; ich dachte, meine Bilder würde gar niemand mehr anschauen, meine Musik würde gar niemand mehr hören, und ich hätte viel weniger Austausch mit Freunden und Bekannten.

Tatsächlich ist nichts davon eingetreten. Meine Statistiken zeigen, dieses Blog wird noch immer genau so viel besucht wie eh und je, und meine Musik ist immer noch genau so unbekannt wie schon immer.

Zugegebenermaßen, die Kommunikation mit zwei (maximal drei) Menschen hat nachgelassen bzw. ist zum Erliegen gekommen. Was ich traurig finde. Aber wer wirklich mit mir befreundet ist, mit dem hab ich nach wie vor genau so viel zu tun.

Wenn nicht sogar mehr.

Sei wachsam!

Keine Frage, die Entwicklung in Deutschland ist gerade schlimm, sehr schlimm. Und auf keinen Fall darf man rechte Hetze verharmlosen.

Aber das tu ich auch nicht.

Wenn sich hier irgendwelche Leute einbilden, als “Bogida” einen Schweigemarsch veranstalten zu müssen, dann bin ich auf der Gegendemo. Wenn ich als Musiker oder Fotograf irgendwas gegen die gesellschaftliche Entwicklung tun kann, dann tu ich es. Und bei der Wahl werde ich mein Kreuz machen und meine Stimme nicht durch Nichtwählen der “Alternative für Deutschland” schenken.

Ich gehe nur nicht in Mark Zuckerbergs örtliche Nazikneipe.

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